Faktencheck – Männer und Multitasking
Hinweis zu den Quellen:
Die folgenden Ausführungen basieren auf den unten aufgeführten Übersichtsarbeiten, klinischen Studien und ausgewählten Medienberichten. Die Quellen sind thematisch gebündelt und dienen der vertiefenden Einordnung der Forschungslage.1. Der verbreitete Meinungstrend
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Vorstellung etabliert, Frauen seien von Natur aus besonders gut im Multitasking, während Männer bereits mit zwei parallelen Aufgaben überfordert seien. Dieser Gedanke wird in Medien, Alltagsgesprächen und Humorformaten immer wieder aufgegriffen und verstärkt.
Solche Meinungstrends bleiben nicht folgenlos. Sie prägen Erwartungen, beeinflussen Selbstwahrnehmung und führen dazu, dass alltägliche Situationen unterschiedlich interpretiert werden – oft unabhängig von den tatsächlichen Fähigkeiten der beteiligten Personen.
2. Was unter Multitasking meist verstanden wird
Wenn im Alltag von Multitasking die Rede ist, meint man in der Regel nicht einfache Parallelhandlungen, sondern die gleichzeitige Ausführung mehrerer kognitiv anspruchsvoller Tätigkeiten. Typische Beispiele sind:
Schreiben einer E-Mail und gleichzeitiges Telefonieren
Autofahren und parallel Textnachrichten verfassen
Zuhören, während man gedanklich bereits an einer anderen Aufgabe arbeitet
Genau hier setzt die wissenschaftliche Betrachtung an.
Multitasking aus experimenteller Sicht
In psychologischen Experimenten wird Multitasking meist untersucht, indem Probandinnen und Probanden mehrere Aufgaben gleichzeitig oder im schnellen Wechsel bearbeiten müssen. Häufig handelt es sich um Kombinationen wie:
Buchstaben als Vokale oder Konsonanten einordnen
Zahlen als gerade oder ungerade klassifizieren
Reaktionsaufgaben unter Zeitdruck
Dabei werden Reaktionszeiten, Fehlerquoten und mentale Belastung gemessen.
Ein zentrales Ergebnis solcher Studien ist:
Sobald zwei bewusste Aufgaben parallel bearbeitet werden sollen, verschlechtern sich Leistung und Genauigkeit deutlich.
Zeitverlust durch Aufgabenwechsel
Der Psychologe David Meyer untersuchte gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen an der University of Michigan die Effekte von Aufgabenwechseln (Task Switching).
Die Ergebnisse zeigen:
Bereits das Umschalten zwischen zwei Aufgaben kostet messbar Zeit.
Je komplexer die Aufgaben, desto größer der Zeitverlust.
In experimentellen Settings gingen dabei bis zu 40 % der effektiven Arbeitszeit verloren.
Diese Zeit geht nicht durch Pausen verloren, sondern durch:
Abbrechen einer Aufgabe
Neuorientierung
Wieder-Eintauchen in den ursprünglichen Kontext
Das Gehirn arbeitet also nicht parallel, sondern seriell – mit Reibungsverlusten.
Die beschriebenen Effekte traten unabhängig vom Geschlecht auf. Die Studien zielten nicht auf Geschlechtervergleiche ab, und es gibt keine Hinweise darauf, dass Frauen oder Männer grundsätzlich geringere oder höhere Umschaltkosten hätten. Es handelt sich vielmehr um eine allgemeine Eigenschaft menschlicher Informationsverarbeitung.
Multitasking im Straßenverkehr
Besonders anschaulich sind Studien aus dem Bereich Verkehrssicherheit.
In Fahrsimulator-Experimenten mussten Probandinnen und Probanden:
ein Fahrzeug sicher steuern
und gleichzeitig Texte korrigieren, Telefonnummern eingeben oder Anweisungen lesen
Die Ergebnisse zeigen übereinstimmend:
verlängerte Reaktionszeiten
schlechtere Spurhaltung
erhöhte Fehler- und Unfallraten
Dabei schnitten Frauen und Männer gleich schlecht ab. Entscheidend war nicht das Geschlecht, sondern die zusätzliche kognitive Belastung.
Untersuchungen des deutschen Instituts für Arbeit und Gesundheit sowie Studien aus den USA (u. a. Stanford und Utah) kommen zu vergleichbaren Ergebnissen:
Schon einfache Nebenaufgaben verschlechtern die Fahrleistung deutlich – unabhängig vom Geschlecht.
Multitasking und geistige Leistungsfähigkeit
Eine viel zitierte Studie der University of London untersuchte die Auswirkungen von Multitasking am Arbeitsplatz. Die Forschenden stellten fest:
Multitasking senkt die messbare geistige Leistungsfähigkeit.
Die Effekte waren vergleichbar mit:
einer durchwachten Nacht
oder dem Einfluss psychoaktiver Substanzen
Auch hier zeigte sich kein geschlechtsspezifischer Vorteil.
3. Multitasking aus neuropsychologischer Sicht
Aus neurobiologischer Perspektive ist echtes Multitasking – also das gleichzeitige bewusste Bearbeiten mehrerer komplexer Aufgaben – nur sehr eingeschränkt möglich.
Was tatsächlich geschieht, ist ein schnelles Hin- und Herschalten der Aufmerksamkeit zwischen Aufgaben. Das Gehirn unterbricht eine Tätigkeit, wendet sich einer anderen zu und kehrt anschließend zurück. Dieser Vorgang wird als Task Switching bezeichnet.
Dieses Umschalten ist mit Kosten verbunden:
Zeitverlust
erhöhte Fehleranfälligkeit
höhere mentale Belastung
Die Aufgaben werden dadurch nicht schneller, sondern meist langsamer und unpräziser erledigt. Diese Effekte zeigen sich unabhängig vom Geschlecht und gelten als grundlegende Eigenschaft menschlicher Informationsverarbeitung.
4. Multitasking ist keine Geschlechterfrage
Zahlreiche psychologische und arbeitswissenschaftliche Studien zeigen übereinstimmend:
Frauen sind im Multitasking nicht besser als Männer.
Männer sind im Multitasking nicht schlechter als Frauen.
Unter Multitasking-Bedingungen zeigen beide Geschlechter vergleichbare Leistungsabfälle und vergleichbare Stressreaktionen.
Unterschiede, die in einzelnen Studien beobachtet wurden, sind klein, inkonsistent oder abhängig von der Art der Aufgabe – nicht vom Geschlecht an sich.
Genau dieser Punkt ist entscheidend und wird in der öffentlichen Darstellung häufig missverstanden oder bewusst verzerrt.
Was mit „Art der Aufgabe“ tatsächlich gemeint ist
Mit der „Art der Aufgabe“ ist nicht gemeint, dass bestimmte Tätigkeiten biologisch weiblich oder männlich wären. Gemeint ist vielmehr der Grad an Routine und Vertrautheit, den eine Person mit einem bestimmten Tätigkeitsfeld hat.
Menschen können Aufgaben dann besser kombinieren, wenn sie die einzelnen Tätigkeiten häufig, automatisch und ohne bewusste Anstrengung ausführen. Je vertrauter ein Arbeitsbereich ist, desto leichter fällt es, mehrere Anforderungen darin zu koordinieren.
Das gilt unabhängig vom Geschlecht.
Warum Alltagsszenen oft falsch interpretiert werden
In den Medien und im Alltag wird Multitasking häufig anhand von Haushaltssituationen illustriert. Typisches Bild:
Eine Frau bewegt sich routiniert in der Küche, kocht, telefoniert, achtet nebenbei auf Kinder oder den Backofen.
Ein Mann hilft „ausnahmsweise“ mit, muss jeden Handgriff bewusst planen, verliert den Überblick und wirkt überfordert.
Aus dieser Beobachtung wird dann vorschnell geschlossen:
Frauen seien bessere Multitasker.
Tatsächlich zeigt diese Szene etwas völlig anderes.
Routine schlägt Multitasking-Fähigkeit
Die Frau scheitert hier nicht weniger am Multitasking, sondern profitiert von Routine. Viele Handlungen laufen automatisiert ab, sie benötigen kaum bewusste Aufmerksamkeit. Dadurch bleibt geistiger Spielraum für weitere Tätigkeiten.
Der Mann hingegen befindet sich in einem ungewohnten Arbeitsumfeld. Jeder Schritt erfordert bewusste Steuerung. Unter diesen Bedingungen ist paralleles Arbeiten zwangsläufig schwieriger – unabhängig davon, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt.
Würde man die Situation umkehren, ergäbe sich das gleiche Bild.
Die unsichtbare Schieflage in der Wahrnehmung
Hier entsteht eine systematische Verzerrung:
Männer werden häufig in Tätigkeiten beobachtet, die sie nicht routiniert ausführen.
Frauen werden dagegen kaum je in Tätigkeiten gezeigt, in denen sie selbst keine Routine haben.
Der Ehemann steht gelegentlich in der Küche und stellt sich ungeschickt an.
Die Ehefrau steht dagegen praktisch nie am Arbeitsplatz des Mannes, etwa in der Werkstatt, im Cockpit, im IT-Bereich oder auf der Baustelle, wo sie unter denselben Bedingungen genauso ins Stocken geraten würde.
Diese Asymmetrie erzeugt den Eindruck geschlechtsspezifischer Unterschiede, wo in Wirklichkeit Unterschiede in Erfahrung und Übung vorliegen.
Warum dieser Fokus Vorurteile verstärkt
Indem immer wieder genau diese Alltagsszenen gezeigt werden, wird ein bestehendes Vorurteil bestätigt und weiter verfestigt. Die Beobachtung wird falsch interpretiert, weil der entscheidende Faktor – Routine – ausgeblendet wird.
Die Schlussfolgerung lautet dann:
Frauen können Multitasking besser.
Die korrekte Schlussfolgerung wäre:
Menschen können Multitasking dort besser, wo sie geübt sind.
Fazit dieses Abschnitts
Die Fähigkeit, mit parallelen Anforderungen umzugehen, variiert zwischen Individuen, nicht zwischen Geschlechtern.
Sie hängt maßgeblich von Übung, Vertrautheit und Automatisierung ab – nicht von biologischem Geschlecht.
Der verbreitete Eindruck geschlechtsspezifischer Multitasking-Fähigkeiten ist daher kein wissenschaftlicher Befund, sondern das Ergebnis selektiver Beobachtung und kultureller Gewohnheiten.
5. Warum sich Multitasking trotzdem produktiv anfühlt
Multitasking vermittelt häufig das Gefühl, besonders effizient zu sein. Dieses Gefühl entsteht jedoch nicht durch bessere Leistung, sondern durch erhöhte Aktivität.
Ständiges Wechseln zwischen Aufgaben erzeugt:
den Eindruck von Tempo,
das Gefühl, „viel zu schaffen“,
aber nicht automatisch bessere Ergebnisse.
In experimentellen Settings zeigte sich, dass häufiges Aufgabenwechseln die produktive Arbeitszeit deutlich reduziert. Je nach Aufgabenart kann der Zeitverlust erheblich sein. Die Arbeiten werden nicht gründlicher, sondern fragmentierter.
6. Ständige Multitasker schneiden oft schlechter ab
Ein besonders interessanter Befund der Forschung ist, dass ausgerechnet Menschen, die häufig multitasken, dabei oft schlechter abschneiden als andere.
Bei diesen Personen wurde unter anderem beobachtet:
geringere Konzentrationsfähigkeit,
stärkere Ablenkbarkeit,
schlechtere Filterung irrelevanter Informationen.
Das deutet darauf hin, dass häufiges Multitasking weniger Ausdruck besonderer Begabung ist, sondern eher ein Hinweis auf Schwierigkeiten, die Aufmerksamkeit gezielt zu bündeln.
Menschen, die mit kognitiven Anforderungen gut zurechtkommen, neigen dagegen eher dazu, Aufgaben nacheinander zu erledigen.
7. Routinetätigkeiten sind kein Gegenbeweis
Häufig wird eingewandt, dass Menschen sehr wohl mehrere Dinge gleichzeitig tun können – etwa beim Autofahren.
Hier ist eine wichtige Unterscheidung nötig:
Viele Teilhandlungen beim Autofahren sind hochgradig automatisiert. Sie erfordern kaum bewusste Aufmerksamkeit und laufen parallel ab, ohne sich gegenseitig zu stören.
Je routinierter eine Tätigkeit ist, desto leichter lassen sich mehrere Teilprozesse ineinandergreifend kombinieren. Das gilt unabhängig vom Geschlecht und erklärt, warum vertraute Abläufe scheinbar mühelos parallel funktionieren.
Das „Multitasking“, von dem hier die Rede ist, meint jedoch nicht eine einzelne komplexe Tätigkeit, deren Teilbereiche in der Praxis routinemäßig ineinander fließen. Gemeint ist vielmehr das gleichzeitige Bearbeiten mehrerer komplexer, voneinander getrennter Aufgaben, die jeweils bewusste Aufmerksamkeit verlangen – etwa gleichzeitig ein Gespräch führen und einen Text formulieren. Solche Aufgaben können im Kopf nicht wirklich parallel verarbeitet werden; das Gehirn schaltet zwischen ihnen hin und her.
Ein weiterer häufiger Denkfehler ist, Multitasking bedeute, dass das Gehirn mehrere Dinge „gleichzeitig“ könne, weil es ja parallel den Herzschlag, die Atmung oder die Körpertemperatur reguliert. Das sind jedoch weitgehend automatische, unbewusste Steuerungsprozesse und daher nicht mit dem bewussten Bearbeiten mehrerer anspruchsvoller Aufgaben vergleichbar.
9. Abgrenzung, Rollenverständnis und Stress
Ein weiterer Aspekt betrifft nicht die Fähigkeit zum Multitasking, sondern die Bereitschaft, mehrere Anforderungen gleichzeitig erfüllen zu wollen.
Es gibt Hinweise darauf, dass Männer und Frauen in unserer Kultur im Durchschnitt unterschiedlich sozialisiert werden. Frauen werden häufiger dazu angehalten, mehrere Erwartungen parallel im Blick zu behalten, flexibel zu reagieren und sich zuständig zu fühlen – etwa im familiären, organisatorischen oder sozialen Bereich. Männer werden dagegen eher darin bestärkt, Aufgaben nacheinander abzuarbeiten und sich klar abzugrenzen.
Der verbreitete Mythos, Frauen seien besonders gute Multitasker, verstärkt genau dieses Rollenverständnis. Was ursprünglich als Aufwertung gedacht war, wirkt in der Praxis oft gegenteilig: Es erhöht den inneren und äußeren Druck, mehreren Anforderungen gleichzeitig gerecht werden zu müssen.
Vor diesem Hintergrund zeigt sich, dass Personen, die häufiger versuchen, mehreren Anforderungen gleichzeitig gerecht zu werden, dabei auch stärker unter Stress geraten. In unserer Kultur betrifft das tendenziell eher Frauen – nicht aufgrund biologischer Unterschiede, sondern aufgrund kultureller Erwartungen und erlernter Verhaltensmuster.
Dieser Effekt erklärt, warum Frauen häufiger multitasken wollen oder sollen, nicht warum sie es besser könnten. Die daraus entstehende Belastung ist somit kein Leistungsmerkmal, sondern eine Folge sozialer Zuschreibungen, die langfristig stressverstärkend wirken können.
10. Fazit
Der verbreitete Glaube, Frauen seien von Natur aus bessere Multitasker als Männer, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand.
Multitasking ist keine Geschlechtereigenschaft.
Beide Geschlechter sind bei parallelen kognitiven Aufgaben ähnlich eingeschränkt.
Multitasking kostet Zeit, erhöht Fehler und steigert Stress.
Effizientes Arbeiten bedeutet meist: Priorisieren statt parallelisieren.
Der Mythos vom männlichen Multitasking-Versager ist damit weniger eine biologische Erkenntnis als ein kulturelles Narrativ – und eines, das durch Forschung längst widerlegt ist.
Quellen und weiterführende Literatur
Wissenschaftliche Primärstudien zu Multitasking, Leistung und Geschlechterfrage
Multitasking-Kosten ohne Geschlechtervorteil in Labortests
Geschlechterunterschiede bei simultanen und sequentiellen Tasks untersucht
Multitasking-Effekte auf Fahr- und Reaktionsverhalten im simulierten Alltag
Pressestimmen und populärwissenschaftliche Artikel
Multitasking ist kein Geschlechtervorteil – wissenschaftliche Einordnung (SZ)
„Männer sind nicht multitaskingfähig?“ – Kritik an Alltag-Klischees (NZZ)
Studie zeigt: Frauen „können es auch nicht besser“ (Deutschlandfunk Kultur)
Warum Multitasking nicht effektiver ist (FAZ-Blog)
Multitasking-Effekte und Produktivität (Organisation mit Sabine)
Multitasking-Mythos und Stressfaktor (Stern)
Gehirn, Stress und Multitasking (AOK)
Multitasking im Arbeitsalltag – Populärwissenschaftliche Einordnung (eBuero)
Multitasking und Stressreaktion (Brigitte)
