Sind Männer wirklich schmerzempfindlicher?
Verbreitete Behauptung
Über Männer und Schmerz existieren zwei völlig gegensätzliche Vorstellungen.
Auf der einen Seite gibt es die althergebrachte Meinung, Schmerzempfindlichkeit sei unmännlich, da Männer Schmerzen besonders gut aushalten könnten.
Dem gegenüber steht der neuzeitliche Meinungstrend, Männer würden schon bei vergleichsweise kleinen Schmerzen übertrieben reagieren, während Frauen deutlich belastbarer seien. Dieser Trend ist insbesondere durch Medien und Popkultur weithin bekannt geworden und findet sich heute in zahllosen Internet-Memes wieder.
Doch welches Bild entspricht tatsächlich der wissenschaftlichen Forschung?
Was die Forschung zeigt
Die Antwort fällt überraschend eindeutig aus.
In zahlreichen experimentellen und klinischen Studien zeigen Männer im Durchschnitt eine höhere Schmerztoleranz, während Frauen Schmerzen im Mittel früher wahrnehmen, demselben Schmerzreiz häufig eine höhere Stärke zuordnen, ihn als nicht mehr ertragbar bezeichnen und dementsprechend auch schneller abbrechen als Männer.
Wie groß diese Unterschiede ausfallen, hängt zwar von der jeweiligen Schmerzart und der Untersuchungsmethode ab, das zugrunde liegende Muster zeigt sich jedoch in den zahlreichen Studien der Schmerzforschung immer wieder.
Auch Untersuchungen im Klinikalltag zeigen in Bezug auf starke und sehr starke Schmerzen: Frauen neigen deutlich häufiger dazu, Schmerzen zu katastrophisieren.
Das bedeutet nicht, dass jeder Mann schmerzunempfindlicher ist als jede Frau. Es gibt durchaus individuelle Unterschiede – die auch mit Gewöhnung an bestimmte Schmerzsituationen zusammenhängen können. Dennoch lassen sich auf Gruppenebene zuverlässig wiederkehrende Unterschiede beobachten – genau wie bei vielen anderen biologischen Merkmalen.
Im Jahr 2009 werteten Forschende in umfassenden Literaturübersichten und systematischen Reviews zahlreiche Studien aus. Das Ergebnis: Frauen zeigen im Durchschnitt eine höhere Schmerzempfindlichkeit als Männer.
Gewöhnung an Schmerz
Häufig werden Frauen, die einen ganz bestimmten Schmerzreiz gewohnt sind, mit Männern verglichen, die genau diesen Schmerzreiz nicht gewohnt sind. Das kann den Eindruck erwecken, dass es den Ergebnissen der Schmerzforschung widerspricht und zu einer verzerrten Wahrnehmung führen.
Die in der Schmerzforschung beobachteten Unterschiede beschreiben Durchschnittswerte großer Gruppen. Wie ein einzelner Mensch auf einen konkreten Schmerzreiz reagiert, hängt jedoch von weiteren Faktoren ab. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Gewöhnung an bestimmte Arten von Schmerz.
Der menschliche Organismus reagiert auf Schmerzen nicht statisch, sondern ist anpassungsfähig. Wiederholte, bekannte und kontrollierbare Schmerzreize können zu einer Gewöhnung führen. Dabei verändern sich sowohl die Verarbeitung im Nervensystem als auch die psychische Bewertung des Reizes: Das Gehirn stuft ihn als weniger bedrohlich ein, Erwartungs- und Alarmreaktionen nehmen ab und der Schmerz wird subjektiv als weniger stark oder belastend wahrgenommen.
Diese Gewöhnung ist jedoch spezifisch. Ein Mensch kann auf einen bestimmten Schmerzreiz, den er häufig erlebt hat, routinierter und weniger heftig reagieren als eine andere Person, obwohl diese im Allgemeinen eine höhere Schmerztoleranz besitzt. Wer beispielsweise regelmäßig Hitze, Druckschmerz oder anderen wiederkehrenden Schmerzreizen ausgesetzt ist, kann sich an genau diese Reize gewöhnen. Aus dieser Gewöhnung lässt sich nicht ableiten, wie empfindlich die betreffende Person auf andere Arten von Schmerz reagiert.
Für die Bewertung von Schmerztoleranz ist daher entscheidend, wer mit wem und unter welchen Bedingungen verglichen wird. Werden Menschen mit unterschiedlicher Erfahrung gegenüber einem bestimmten Schmerzreiz miteinander verglichen, kann die geübte Person deutlich schmerzunempfindlicher erscheinen. Ein solcher Vergleich sagt jedoch lediglich etwas über Gewöhnung an einen bestimmten Schmerzreiz aus – nicht über die allgemeine Schmerztoleranz.
Abgrenzung zu chronischen Schmerzen
Diese Art der Gewöhnung darf jedoch nicht mit den Folgen chronischer Schmerzen verwechselt werden. Schmerzen, die über Wochen und Monate permanent anhalten, können das Nervensystem zunehmend sensibilisieren. Es kann sich ein sogenanntes Schmerzgedächtnis entwickeln, bei dem die Schmerzverarbeitung dauerhaft verändert ist, sodass bereits schwache Reize starke Schmerzen auslösen können. Chronischer Schmerz führt daher nicht zwangsläufig zu einer zunehmenden Abhärtung, sondern kann die Schmerzempfindlichkeit im Gegenteil erhöhen.
Schmerzgewöhnung kann sich somit vor allem bei wiederkehrenden, bekannten und kontrollierbaren Schmerzreizen einstellen. Sie betrifft dabei in erster Linie den jeweils spezifischen Schmerzreiz, an den sich der Mensch gewöhnt hat.
Die biologische Funktion von Schmerz
Die Forschung zeigt im Durchschnitt Unterschiede in der Schmerzempfindlichkeit und Schmerztoleranz von Männern und Frauen. Doch warum sollten sich solche Unterschiede überhaupt entwickelt haben?
Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst berücksichtigt werden, welche Funktion Schmerz erfüllt. Schmerz ist ein Warn- und Schutzsignal des Körpers. Er macht auf tatsächliche oder drohende Schädigungen aufmerksam und führt dazu, dass wir gefährliche Belastungen vermeiden, verletzte Körperbereiche schonen oder eine schädigende Einwirkung möglichst schnell beenden.
Eine möglichst geringe Schmerzempfindlichkeit wäre daher keineswegs grundsätzlich von Vorteil. Wer Schmerzen erst sehr spät oder nur schwach wahrnimmt, läuft Gefahr, Verletzungen nicht rechtzeitig zu bemerken und den eigenen Körper weiter zu schädigen. Umgekehrt kann eine sehr frühe und starke Schmerzreaktion die Handlungsfähigkeit einschränken, obwohl der Körper die betreffende Belastung ohne größere Schäden verkraften könnte.
Wie sinnvoll eine starke oder schwache Schmerzreaktion ist, hängt daher auch davon ab, wie empfindlich der Körper gegenüber bestimmten Belastungen ist. Besonders deutlich wird dieses Prinzip am menschlichen Auge. Bereits ein Staubkorn, ein leichter Stoß oder die Berührung mit einem Finger können dort eine heftige Schmerz- und Schutzreaktion auslösen. Das ist biologisch sinnvoll, weil schon vergleichsweise geringe mechanische Einwirkungen das Auge dauerhaft schädigen können.
Am Oberarm wäre eine ebenso starke Reaktion auf geringe Belastungen dagegen wenig zweckmäßig. Ein leichter Stoß oder Druck richtet dort in der Regel keinen ernsthaften Schaden an. Entsprechend muss der Körper nicht auf jede geringe mechanische Einwirkung mit einer sofortigen und heftigen Schutzreaktion reagieren.
Schmerzempfindlichkeit ist daher nicht einfach ein Maß für Stärke oder Schwäche. Entscheidend ist, wie empfindlich ein Organismus gegenüber körperlichen Belastungen ist und welches Verhältnis zwischen Schutz vor Verletzungen und Erhalt der Handlungsfähigkeit den größten Vorteil bietet.
Eine mögliche evolutionäre Erklärung
Überträgt man dieses Grundprinzip auf die unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen und evolutionären Belastungen von Männern und Frauen, ergibt sich eine mögliche Erklärung für die in der Schmerzforschung beobachteten Unterschiede.
In vielen Situationen der menschlichen Evolutionsgeschichte waren Männer häufiger körperlichen Auseinandersetzungen, Jagd, Verteidigung und anderen verletzungsträchtigen Belastungen ausgesetzt. Unter solchen Bedingungen konnte es von Vorteil sein, Schmerzen zwar wahrzunehmen, trotz Verletzungen aber länger handlungsfähig zu bleiben. Eine höhere Schmerztoleranz konnte somit die Fähigkeit begünstigen, eine gefährliche Situation zunächst zu bewältigen, bevor der Körper geschont und eine Verletzung versorgt wurde.
Bei Frauen bestanden im Durchschnitt andere körperliche Voraussetzungen und evolutionäre Belastungen. Eine frühere und stärkere Reaktion auf drohende körperliche Schädigungen könnte hier häufiger einen Schutzvorteil geboten haben, indem Verletzungsrisiken früher erkannt und gefährliche Belastungen vermieden wurden.
Diese Überlegungen liefern eine mögliche evolutionäre Erklärung für die durchschnittlichen Unterschiede, die heute in der Schmerzforschung beobachtet werden. Sie sind jedoch nicht mit den Forschungsergebnissen selbst gleichzusetzen: Dass sich Männer und Frauen im Durchschnitt in bestimmten Bereichen der Schmerzempfindlichkeit und Schmerztoleranz unterscheiden, ist ein empirischer Befund. Warum sich diese Unterschiede entwickelt haben, lässt sich dagegen nur anhand evolutionärer Hypothesen erklären.
Durchschnitt und Einzelfall
Doch warum gibt es dann körperlich robuste Männer, die sehr schmerzempfindlich sind, und zierliche Frauen mit außergewöhnlich hoher Schmerztoleranz?
Ein robuster Körper bietet zunächst nur eine günstigere Voraussetzung dafür, dass eine höhere Schmerztoleranz von Vorteil sein kann: Er kann stärkere körperliche Belastungen verkraften, ohne ebenso schnell Schaden zu nehmen. Wie schmerzempfindlich ein einzelner Mensch tatsächlich ist, hängt jedoch von zahlreichen weiteren Einflüssen ab, beispielsweise von individuellen Unterschieden im Nervensystem und Hormonhaushalt, früheren Erfahrungen oder der Gewöhnung an bestimmte Schmerzreize.
Vergleichbar ist dies mit einem Menschen, der aus einer Familie mit besonders hoher Lebenserwartung stammt. Günstige genetische Voraussetzungen können die Wahrscheinlichkeit eines langen Lebens erhöhen. Dennoch kann dieser Mensch früh sterben, wenn weitere Faktoren wie Rauchen in die entgegengesetzte Richtung wirken. Umgekehrt kann ein Mensch mit ungünstigeren Voraussetzungen durch eine gesunde Lebensweise länger leben.
Wollte man untersuchen, welchen Einfluss die genetischen Voraussetzungen auf die Lebenserwartung haben, wäre es daher wenig sinnvoll, den Raucher mit dem Nichtraucher zu vergleichen.
Will man Unterschiede zwischen Männern und Frauen beurteilen, muss man möglichst Vergleichbares miteinander vergleichen. Vereinfacht gesagt: Dem empfindlichen Mann muss man die empfindliche Frau gegenüberstellen und der taffen Frau den taffen Mann.
Ein empfindlicher kräftiger Mann und eine taffe zierliche Frau sind daher kein sinnvoller Vergleich.
Fragen, die immer gestellt werden
Ich erlebe im Alltag ständig, dass Männer wehleidiger sind. Wie kann die Forschung dann zu einem anderen Ergebnis kommen?
Persönliche Erfahrungen können sehr überzeugend sein. Das Problem ist, dass Menschen ihre Umwelt nicht neutral beobachten. Wir erinnern uns verstärkt an das, was uns besonders auffällt und was wir als bedeutsam wahrnehmen. Entscheidend ist dabei unsere Erwartungshaltung und worauf wir unseren Fokus ausrichten.
Wer davon überzeugt ist, dass Männer wehleidiger sind, dem fällt ein klagender Mann besonders auf. Ein Mann, der Schmerzen klaglos hinnimmt, entspricht dagegen keiner besonderen Erwartung und gerät leichter in Vergessenheit. Bei Frauen kann derselbe Mechanismus in umgekehrter Richtung wirken.
Hinzu kommt, dass ungewöhnliche Situationen besonders gut im Gedächtnis bleiben. Ein kräftiger Mann, der wegen eines kleinen Schmerzreizes lautstark reagiert, fällt stärker auf als hundert Männer, die sich unauffällig verhalten.
Deshalb können persönliche Erfahrungen vollkommen aufrichtig sein und dennoch ein anderes Bild ergeben als systematische Untersuchungen großer Gruppen.
Ich kenne eine Krankenschwester, die sagt, dass Männer schmerzempfindlicher sind. Die müsste das doch beurteilen können.
Auch jahrelange Berufserfahrung schützt nicht automatisch vor Wahrnehmungsverzerrungen.
Eine Tätowiererin, Pflegekraft oder Ärztin kann im Laufe ihres Berufslebens Tausende Männer und Frauen unter Schmerzen erlebt haben. Trotzdem beobachtet sie keine wissenschaftliche Vergleichsstudie. Die Menschen unterscheiden sich hinsichtlich Alter, Schmerzreiz, Dauer und Stärke der Schmerzen, Vorerfahrungen, Erkrankungen, Medikamenteneinnahme und vieler weiterer Faktoren.
Außerdem bleiben auch bei großer Erfahrung besonders auffällige Fälle besser im Gedächtnis. Wer bereits eine bestimmte Überzeugung hat, tendiert dazu, passende Beobachtungen stärker wahrzunehmen und sich an diese besonders gut zu erinnern erinnern.
Berufserfahrung kann wertvolles Wissen vermitteln. Sie ersetzt aber keinen systematischen Vergleich unter möglichst gleichen Bedingungen.
Frauen halten Geburtsschmerzen aus. Beweist das nicht, dass Frauen schmerztoleranter sind?
Nein. Aus der Fähigkeit, einen bestimmten Schmerz auszuhalten, lässt sich nicht auf die allgemeine Schmerztoleranz schließen.
Der Geburtsschmerz wird von manchen als der stärkste Schmerz überhaupt bezeichnet - gerne begleitet von der spekulativen Schlussfolgerung: "Und genau deshalb halten Männer nichts aus". Eine solche Schlussfolgerung ist keine sachliche Aussage über geschlechtsspezifische Schmerztoleranz, sondern unsachliche Kampfrhetorik. Wie unterschiedlich Geburtsschmerzen erlebt werden, zeigen bereits die Berichte von Frauen selbst: Manche beschreiben sie als extrem, andere empfanden beispielsweise Nierenkoliken oder sogar Zahnbehandlungen als schmerzhafter. Aus solchen individuellen Vergleichen lässt sich jedoch keine allgemeine Rangfolge verschiedener Schmerzarten ableiten.
Geburtsschmerzen sind ein besonderer biologischer Vorgang, auf den der weibliche Körper hormonell und physiologisch vorbereitet ist. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die hormonelle Lage Einfluss auf die Schmerzverarbeitung hat. Bei Männern wird die im Durchschnitt höhere Schmerztoleranz unter anderem mit dem höheren Testosteronspiegel in Verbindung gebracht - bei Frauen werden während der Schwangerschaft körpereigene hormonelle sowie andere schmerzhemmende Mechanismen verstärkt, die dazu beitragen, Schmerzen besser zu tolerieren.
Vereinfacht gesagt: Während der Schwangerschaft tragen biologische Mechanismen dazu bei, Schmerzen besser zu tolerieren. Der hormonelle Einfluss auf die Schmerzverarbeitung nähert sich dabei vorübergehend dem Zustand an, der auch bei Männern zu einer durchschnittlich höheren Schmerztoleranz beiträgt – auch wenn dafür unterschiedliche Hormone verantwortlich sind. Auf diese Weise kann sich die weibliche Schmerztoleranz während der Schwangerschaft der durchschnittlich höheren männlichen Schmerztoleranz annähern.
Wenn Schwangerschaft die Schmerzverarbeitung verändert und schmerzhemmende Mechanismen verstärkt, kann die unter Schwangerschaft und Geburt beobachtete Schmerztoleranz nicht als Beleg für die allgemeine Schmerztoleranz nichtschwangerer Frauen verwendet werden.
Eine Frau, die eine Geburt erlebt hat, kann deshalb bei anderen Schmerzarten empfindlicher reagieren als ein Mann, der niemals etwas Vergleichbares erlebt hat.
Die Schmerzforschung vergleicht Männer und Frauen deshalb anhand möglichst gleicher Schmerzreize und Untersuchungsbedingungen. Nur so lässt sich feststellen, ob sich durchschnittliche Unterschiede zeigen.
Sind Frauen durch Menstruationsbeschwerden und Geburten nicht grundsätzlich besser an Schmerzen gewöhnt?
Gewöhnung an Schmerz ist weitgehend spezifisch. Wer einen bestimmten Schmerzreiz wiederholt erlebt, kann lernen, genau diesen Schmerz besser zu tolerieren.
Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine höhere allgemeine Schmerztoleranz. Erfahrungen mit Menstruationsbeschwerden oder Geburten machen einen Menschen nicht zwangsläufig unempfindlicher gegenüber Hitze- oder Kälteschmerz, mechanische oder elektrische Schmerzreize.
Allenfalls bei künstlich erzeugten Schmerzreizen durch Menstruations- oder Wehensimulatoren spielt eine Gewöhnung an ähnliche Schmerzen eine Rolle.
Im Internet finden sich Berichte über einzelne Männer, die solche Wehensimulatoren sechs bis zehn Stunden ausgehalten haben sollen, während für Frauen deutlich kürzere Zeiten genannt werden. Solche spektakulären Zeitangaben erlauben jedoch keinen belastbaren Geschlechtervergleich. Es handelt sich nicht um Ergebnisse kontrollierter Studien, und weder Versuchsbedingungen noch Geräte, Teilnehmerauswahl oder Abbruchkriterien sind ohne Weiteres vergleichbar.
Das natürliche Geburtserlebnis ist mit den künstlich erzeugten Schmerzreizen eines Wehensimulators kaum vergleichbar. Während Schwangerschaft und Geburt verändert sich die Schmerzverarbeitung des Körpers, und körpereigene schmerzhemmende Systeme tragen dazu bei, die Schmerzen besser zu tolerieren. Dazu gehören unter anderem Endorphine und andere hormonelle sowie neurobiologische Mechanismen.
Diese besonderen körperlichen Bedingungen fehlen bei einem Wehensimulator. Dort werden Schmerzreize künstlich erzeugt, ohne dass sich der Körper in der physiologischen Situation einer Schwangerschaft und Geburt befindet. Wie lange eine Person einen solchen Simulator aushält, lässt deshalb keinen Rückschluss darauf zu, wie dieselbe Person eine natürliche Geburt, zu der auch die veränderte Schmerzverarbeitung gehört, erleben oder bewältigen würde.
Würden Männer Geburtsschmerzen ebenso gut aushalten wie Frauen?
Berücksichtigt man die Ergebnisse der Schmerzforschung, gibt es keinen wissenschaftlichen Grund anzunehmen, dass Männer Geburtsschmerzen grundsätzlich schlechter aushalten würden als Frauen.
Schwangerschaft und Geburt verändern die Schmerzverarbeitung durch hormonelle und neurobiologische Mechanismen. Diese Veränderungen gehören zur Geburt dazu.
Gerade deshalb lässt sich die während der Geburt beobachtete Schmerztoleranz nicht auf die allgemeine Schmerztoleranz einer Frau außerhalb einer Schwangerschaft übertragen.
Könnten Männer biologisch Kinder bekommen, würden auch bei ihnen die für Schwangerschaft und Geburt erforderlichen körperlichen Anpassungen stattfinden. Der männliche Körper wäre dann ebenso wie ein weiblicher Körper auf Schwangerschaft und Geburt vorbereitet.
Nur auf diese Weise wäre ein Vergleich aussagekräftig.
Wenn man die Schmerzreaktionen einer Frau und eines Mannes bei einer Zahnbehandlung miteinander vergleichen will, müssen ebenfalls gleiche Voraussetzungen gelten. Der Vergleich wäre sinnlos, wenn die Frau ein starkes Schmerzmittel erhält und der Mann nicht. Aus einem solchen Vergleich ließe sich keine Aussage über die grundsätzliche Schmerztoleranz von Männern und Frauen ableiten.
Warum kann meine Frau heiße Gegenstände anfassen, bei denen ich sofort zurückzucke?
Wahrscheinlich ist sie an genau diese Art von Schmerzreiz stärker gewöhnt.
Wer regelmäßig mit heißen Pfannen, heißem Wasser oder anderen Wärmequellen umgeht, kann auf diese Reize zunehmend routiniert reagieren. Das bedeutet nicht, dass diese Person grundsätzlich eine höhere Schmerztoleranz besitzt. Bei einer anderen Schmerzart kann das Verhältnis genau umgekehrt sein.
Der Fehler entsteht, wenn aus der Reaktion auf einen spezifischen Schmerzreiz auf die allgemeine Schmerzempfindlichkeit eines Menschen geschlossen wird.
Letztendlich muss die Frau mit einem Mann verglichen werden, bei dem eine ähnliche Gewöhnung vorliegt, beispielsweise mit einem Koch.
Ich habe aber gehört, dass Frauen chronische Schmerzen besser aushalten.
Bei chronischen Schmerzen sind Frauen nicht die Gruppe, die nach den verfügbaren Befunden Schmerzen besser aushält. Frauen sind häufiger von chronischen Schmerzerkrankungen betroffen, berichten im Durchschnitt stärkere Schmerzen und zeigen bei verschiedenen Schmerzmaßen eine höhere Schmerzempfindlichkeit.
Wenn es auch schmerzempfindliche Männer und schmerztolerante Frauen gibt, sind die Unterschiede zwischen den Geschlechtern dann überhaupt von Bedeutung?
Ja. Große individuelle Unterschiede und durchschnittliche Gruppenunterschiede schließen sich nicht gegenseitig aus.
Männer sind beispielsweise im Durchschnitt größer als Frauen. Trotzdem gibt es viele Frauen, die größer sind als viele Männer. Niemand würde daraus schließen, dass zwischen Männern und Frauen kein durchschnittlicher Größenunterschied besteht.
Genauso verhält es sich mit der Schmerzverarbeitung. Die Verteilungen von Männern und Frauen überlappen sich, und aus dem Geschlecht eines einzelnen Menschen lässt sich nicht zuverlässig vorhersagen, wie schmerzempfindlich er ist.
Das ändert jedoch nichts daran, dass sich beim Vergleich großer Gruppen wiederkehrende durchschnittliche Unterschiede zeigen können.
Wenn Männer schmerztoleranter sind, warum stellen sie sich dann bei einer kleinen Spritze so an?
Die Angst vor Spritzen ist kein Maß für die Schmerztoleranz. Bei der Blut- und Spritzenphobie handelt es sich um eine spezifische Angststörung, bei der bereits der Anblick von Blut, Verletzungen oder Spritzen starke Angstreaktionen und sogar Ohnmacht auslösen kann.
Auch die Häufigkeit dieser Phobie spricht gegen die Vorstellung, Männer seien bei Spritzen grundsätzlich ängstlicher als Frauen. Nach Angaben der Hochschulambulanz für Psychotherapie an der Universität zu Köln sind Frauen mit 3,9 Prozent fast doppelt so häufig von Blut- und Spritzenphobie betroffen wie Männer mit 2,2 Prozent.
Aus der Angst vor einer Spritze lässt sich ohnehin nicht ableiten, wie gut ein Mensch Schmerzen aushält. Angstreaktionen und Schmerztoleranz sind unterschiedliche Phänomene. Wer beim Anblick einer Spritze in Panik gerät, kann bei anderen Schmerzreizen eine hohe Schmerztoleranz besitzen – und umgekehrt.
Die Behauptung, Männer würden sich bei Spritzen häufiger anstellen als Frauen, wird durch die Häufigkeitsdaten zur Blut- und Spritzenphobie somit nicht gestützt. Im Gegenteil: Die Phobie tritt bei Frauen deutlich häufiger auf.
Warum sollte ich Studien mehr glauben als meinen eigenen Erfahrungen?
Man sollte weder Studien noch der eigenen Erfahrung blind glauben.
Persönliche Erfahrungen haben jedoch einen entscheidenden Nachteil: Wir können nicht kontrollieren, welche Fälle uns begegnen, welche wir bemerken, welche wir vergessen und welche Einflussfaktoren bei unseren Beobachtungen eine Rolle spielen.
Wissenschaftliche Untersuchungen versuchen genau diese Probleme zu verringern. Sie vergleichen größere Gruppen, verwenden möglichst gleiche Bedingungen, erfassen Ergebnisse systematisch und machen ihre Methoden überprüfbar.
Auch Studien können fehlerhaft sein, einander widersprechen oder falsch interpretiert werden. Deshalb sollte man sich bei einer wissenschaftlichen Bewertung nicht auf eine einzelne Untersuchung verlassen, sondern die gesamte Forschungslage betrachten.
Der entscheidende Unterschied besteht darin: Persönliche Erfahrung kann uns sehr sicher machen, dass wir recht haben. Wissenschaft versucht herauszufinden, ob wir tatsächlich recht haben.
Beispiel: Schmerzäußerung und subjektive Erfahrung
Eine Tätowiererin arbeitet seit vielen Jahren in ihrem Studio. Täglich tätowiert sie Menschen an unterschiedlichen Körperstellen und erlebt dabei immer wieder Kundinnen und Kunden, die während des Tätowierens Schmerzen äußern – durch Anspannung, Grimassen oder verbale Reaktionen.
Die Mehrheit ihrer Kundschaft reagiert kontrolliert oder nur mit kurzen Anzeichen von Unbehagen. Dennoch bilden sich mit der Zeit Eindrücke – und Meinungen.
Die Tätowiererin ist überzeugt: Männer reagieren beim Tätowieren schmerzempfindlicher als Frauen.
Diese Überzeugung erscheint ihr plausibel. Sie passt zu einer Vorstellung, die ihr aus öffentlichen Darstellungen vertraut ist: Männer würden Schmerzen schlechter aushalten, schneller klagen und weniger belastbar reagieren. Diese Sichtweise entspricht zwar nicht den traditionellen Geschlechterzuschreibungen, wurde ihr jedoch in den letzten Jahren zunehmend über Medien, soziale Netzwerke und gesellschaftliche Diskurse vermittelt.
Der Gedanke gefällt ihr. Er fügt sich gut in ein gesellschaftlich positiv besetztes, gewünschtes Selbstbild: Frauen gelten darin als stark, widerstandsfähig und souverän. Entsprechende Zuschreibungen sind präsent und anerkannt, während vergleichbare positive Etikettierungen für Männer seltener vorkommen. Die Einordnung wirkt stimmig und bestätigt zugleich ein attraktives Rollenbild.
In ihrem Arbeitsalltag erlebt die Tätowiererin sowohl Männer als auch Frauen, die während des Tätowierens Schmerzen deutlich äußern. Objektiv betrachtet kommen solche Reaktionen bei beiden Geschlechtern vor.
Dennoch prägt diese Verteilung ihre Wahrnehmung kaum. Ihr Fokus richtet sich vor allem auf Männer, die stark reagieren. Genau diese Situationen bleiben besonders haften. Der Grund dafür liegt nicht in einem bewussten Vorsatz, sondern in einem grundlegenden Wahrnehmungsmechanismus: Menschen neigen dazu, Informationen stärker wahrzunehmen und besser zu erinnern, wenn sie bereits bestehende Überzeugungen bestätigen – eben weil Menschen Bestätigung suchen und für diese besonders empfänglich sind. In der Psychologie ist dieser Effekt als Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) bekannt.
Nicht nur die betroffenen Männer fallen ihr dadurch stärker auf – auch die Schmerzäußerungen selbst wirken intensiver. Aufmerksamkeit verstärkt Wahrnehmung, und stark wahrgenommene Eindrücke werden nachhaltiger im Gedächtnis gespeichert.
Mit der Zeit entsteht so das Gefühl, eine klare eigene Erfahrung gemacht zu haben. Die Tätowiererin ist überzeugt, dieses Muster immer wieder beobachtet zu haben. Aus ihrer Sicht handelt es sich nicht um eine Meinung, sondern um berufliche Praxis.
Diese subjektive Erfahrung verfestigt sich weiter durch einen weiteren in der Psychologie gut beschriebenen Effekt: den Beharrungsfehler (Belief Perseverance). Einmal gebildete Überzeugungen werden bevorzugt bestätigt, während widersprechende Beobachtungen als untypisch oder wenig relevant eingeordnet werden. Neue Eindrücke werden nicht neutral bewertet, sondern im Licht der bestehenden Sichtweise interpretiert.
In der Konsequenz sagt die Tätowiererin:
„Ich tätowiere seit Jahren. Ich kann bestätigen, dass Männer beim Tätowieren empfindlicher reagieren.“
Jedes Mal, wenn sie diese Einschätzung gedanklich aufruft oder ausspricht, verfestigt sich ihre Überzeugung – und lenkt ihre Aufmerksamkeit künftig noch stärker auf genau solche Situationen.
Erst wenn Schmerz systematisch erfasst, vergleichbar gemacht und unabhängig von sichtbaren Äußerungen ausgewertet wird, zeigt sich, wie trügerisch subjektive Eindrücke sein können. Beobachtete Schmerzäußerung ist nicht gleichzusetzen mit tatsächlichem Schmerzerleben.
Das Beispiel verdeutlicht, wie leicht subjektive Wahrnehmung zur scheinbaren Erfahrung wird – nicht weil Menschen unehrlich sind, sondern weil Aufmerksamkeit, Erwartung und Erinnerung keine neutralen Messinstrumente sind.
Das hier beschriebene Muster steht exemplarisch für die Art und Weise, wie Alltagsannahmen unsere Wahrnehmung in unterschiedlichen Themenbereichen, die in diesem Kapitel behandelt werden, prägen können.
Quellen und weiterführende Literatur
Übersichtsarbeiten und klinische Einordnung
2. Wiesenfeld-Hallin Z. Sex differences in pain perception.
4. Lombana WG et al. Pain and gender differences: a clinical approach.
7. Review: Geschlechterunterschiede bei Schmerz und Schmerzlinderung
Klinische Beispiele (postoperativer Schmerz)
Nadel-/Spritzenangst (Überblick)
10. McLenon J, Rogers MAM. The fear of needles: review/overview, höhere Prävalenz bei Frauen.
Einordnung und Berichterstattung in den Medien
Die folgenden Medienbeiträge greifen zentrale Ergebnisse relevanter Studien auf und bereiten sie für ein breiteres Publikum auf. Medienberichte ersetzen keine wissenschaftlichen Originalarbeiten, zeigen jedoch, dass die beschriebenen Befunde auch außerhalb der Fachliteratur rezipiert werden.
The Washington Post:
Schmerzforschung / Frauen zeigen höhere Schmerzempfindlichkeit
Der Artikel fasst die Forschungslage zu Geschlechtsunterschieden bei Schmerzen zusammen. Frauen sind häufiger von chronischen Schmerzerkrankungen betroffen, berichten im Durchschnitt stärkere Schmerzen und zeigen bei verschiedenen Schmerzmaßen eine höhere Schmerzempfindlichkeit. Auch Jeffrey Mogil, einer der führenden Schmerzforscher, bezeichnet die Vorstellung, Frauen seien aufgrund von Menstruation und Geburt schmerztoleranter, als durch die Forschung sehr deutlich widerlegt.
Barmer:
Schmerzforschung / Neurologe Hartmut Göbel - Männer könnten Geburtsschmerz aushaltenMedienaufbereitung der Schmerzforschung mit vereinfachender Darstellung; keine systematische wissenschaftliche Einordnung.
science.lu – Wissenschaft in Luxemburg:
Schmerzforschung / Fernand Anton - Frauen sowohl empfindlicher als auch weniger schmerzbelastbar
Popularwissenschaftliche Darstellung auf Basis eines Experteninterviews; vereinfachte Einordnung der wissenschaftlichen Studienlage.
Spektrum.de / Buchkritik zu „Schmerz“:
Amrei Wittwer, Gerd Folkers – „Frauen meist deutlich schmerzempfindlicher als Männer“
Medienrezension eines populärwissenschaftlichen Buches, das Forschungsergebnisse zusammenfasst und interpretiert.
pressetext:
Frauen klagen nach Operationen über mehr Schmerzen
Medienbericht über die Ergebnisse einer größeren klinischen Untersuchung; keine Originalpublikation, aber zahlenbasierte Darstellung realer Studiendaten.
Süddeutsche Zeitung:
Zeitungsinterview mit einer Anästhesistin; Einordnung von Forschungsergebnissen und klinischen Beobachtungen ohne systematische Auswertung.
Ärzte Zeitung / EFIC-Kongress:
Gender-Unterschiede bei Schmerz
Medizinjournalistischer Kongressbericht über auf dem EFIC-Kongress präsentierte Studien-Abstracts; zusammenfassende Darstellung einzelner Forschungsergebnisse zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Schmerz.
Institute for Women’s Leadership:
Warum empfinden Frauen mehr Schmerz als Männer?
Wissenschaftsnahe Übersichtsarbeit mit umfangreicher Referenzierung; zusammenfassende Einordnung der Forschungslage aus institutioneller Perspektive, ohne systematische Review-Methodik und mit klar erkennbarem thematischem Fokus auf geschlechtsspezifische Benachteiligungen.
Penn State News:
Forschungseinordnung: Männer zeigen in Studien oft höhereSchmerzschwelle
Universitäre Wissenschaftskommunikation mit zusammenfassender Einordnung der Studienlage; verweist auf häufig beobachtete höhere Schmerzschwellen bei Männern, betont jedoch die starke Abhängigkeit von Methodik, sozialem Kontext und subjektiver Schmerzmessung.
Science Alert:
Sind Frauen wirklich schmerztoleranter als Männer?
Populärwissenschaftlicher Artikel, der Studienergebnisse zu Schmerzschwelle und Schmerztoleranz zusammenfasst und biologische wie soziale Einflussfaktoren einordnet.
Hochschulambulanz für Psychotherapie an der Universität zu Köln:
Männer haben seltener Angst vor Blut und Spritzen
Informationsseite aus dem klinischen Kontext; thematisiert Prävalenzunterschiede bei Angstreaktionen, nicht Schmerzempfinden im engeren Sinn.
