Faktencheck – Männer und Schmerz
Hinweis zu den Quellen:
Die folgenden Ausführungen basieren auf den unten aufgeführten Übersichtsarbeiten, klinischen Studien und ausgewählten Medienberichten. Die Quellen sind thematisch gebündelt und dienen der vertiefenden Einordnung der Forschungslage.
Kernaussagen
In zahlreichen experimentellen und klinischen Studien wird im Durchschnitt eine höhere Schmerzempfindlichkeit bei Frauen und eine höhere Schmerztoleranz bei Männern berichtet. Je nach Schmerzart und Messmethode fallen diese Unterschiede unterschiedlich aus.
Frauen berichten in klinischen Situationen häufiger und im Mittel über stärkere Schmerzen, z. B. nach Operationen.
Psychologische Faktoren wie „Katastrophisieren“ beeinflussen das Schmerzerleben bei beiden Geschlechtern – in klinischen Studien wird es bei Frauen im Mittel häufiger gefunden.
Worum es hier geht
Dieses Kapitel prüft verbreitete Behauptungen über Männer und Schmerz – nicht mit Bauchgefühl, sondern anhand der Forschungslage. In den letzten Jahrzehnten haben Medien, Popkultur und zugespitzte gesellschaftliche Debatten bestimmte Deutungsmuster verstärkt, oftmals auch im Dienst medialer, politischer oder kultureller Deutungsinteressen: Männer gelten darin als besonders wehleidig, könnten „das nicht ab“ und würden bei „echtem Schmerz“ schneller einknicken.
Solche Vorstellungen entstehen jedoch nicht zufällig und sind auch kein über lange Zeiträume hinweg gewachsenes Ergebnis menschlicher Kultur- und Erfahrungsgeschichte. Im Gegenteil: Historisch betrachtet dominierten eher gegenteilige Zuschreibungen, die heute als politisch oder kulturell problematisch gelten und deshalb bewusst in Frage gestellt oder negiert werden.
Die dabei entstehenden Gegenbilder werden medial zugespitzt und oft unkritisch übernommen, weil sie in aktuell bestehende Muster passen – etwa in die Vorstellung, Sensibilität bedeute per se Fortschritt oder traditionelle Zuschreibungen seien grundsätzlich verdächtig.
Ob diese Erzählungen zutreffen, ist jedoch keine Frage von Sympathie oder Haltung. Man kann sie prüfen. Und wenn man das tut, zeigt sich ein deutlich nüchterneres Bild – und häufig ein anderes als das, was viele intuitiv für selbstverständlich halten.
Was die Schmerzforschung zeigt
Methodik: Wie Schmerzforschung arbeitet
Schmerzforschung ist primär medizinisch ausgerichtet. Sie untersucht Schmerz, um Mechanismen besser zu verstehen und Behandlungsansätze zu verbessern – unter anderem auch im Hinblick auf mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede. Dafür werden sowohl experimentelle Reize (z. B. Druck, Kälte, Hitze oder elektrische Reize) als auch klinische Daten (z. B. postoperative oder chronische Schmerzen) ausgewertet.
Wiederkehrende Befunde: Was sich im Durchschnitt zeigt
In zahlreichen experimentellen und klinischen Studien zeigt sich dabei ein wiederkehrendes Muster:
Frauen berichten häufiger über Schmerzen und geben im Mittel eine frühere Schmerzempfindung an.
Männer zeigen im Durchschnitt eine höhere Schmerztoleranz.
Je nach Schmerzart und Messmethode variieren die Unterschiede. In manchen Settings sind sie ausgeprägt, in anderen gering oder nicht konsistent.
Biologische, psychologische und soziale Faktoren greifen ineinander. Hormone, Nervensystem, Stressreaktionen, Lernerfahrungen und Erwartungen beeinflussen gemeinsam, wie Schmerz erlebt und verarbeitet wird.
Wichtig ist die statistische Einordnung:
Aussagen dieser Art beziehen sich auf Gruppenmittelwerte. Individuelle Unterschiede sind groß, die Verteilungen überlappen deutlich.
Gewöhnung, Kontext und Schmerzgedächtnis
Der menschliche Organismus reagiert auf Schmerzen nicht statisch, sondern lernfähig. Wiederholte, bekannte und kontrollierbare Schmerzreize können zu einer Gewöhnung führen. Dabei verändern sich sowohl die Verarbeitung im Nervensystem als auch die psychische Bewertung des Reizes: Das Gehirn stuft den Schmerz als weniger bedrohlich ein, Erwartungs- und Alarmreaktionen nehmen ab, und die subjektive Schmerzintensität wird geringer wahrgenommen.
Warum Alltagsvergleiche oft in die Irre führen
Genau dieser Mechanismus spielt bei vielen Alltagsvergleichen zwischen Männern und Frauen eine zentrale Rolle – wird dabei jedoch häufig falsch interpretiert. Ein Mensch kann auf einen bestimmten Schmerzreiz, den er häufig erlebt hat, routinierter und weniger heftig reagieren als eine andere Person, selbst wenn diese grundsätzlich schmerzunempfindlicher ist. Entscheidend ist nicht nur die „Schmerzstärke“, sondern auch Vertrautheit, Erwartung und Kontext.
Beispiel: Gewöhnung an spezifische Schmerzreize
Ein klassisches Beispiel sind sogenannte „Hausfrauenhände“: Wer regelmäßig mit heißem Wasser, Hitze oder Reinigungsmitteln arbeitet, reagiert auf diesen Reiz oft deutlich gelassener als ungeübte Personen. Im familiären Alltag lässt sich das leicht beobachten – etwa in der Küche, wenn die Frau routiniert mit heißem Wasser oder einer Pfanne hantiert, während der Mann, der in Bezug auf genau diesen Schmerzreiz ungeübt ist, reflexartig zurückzuckt. Daraus entsteht schnell der Eindruck, die gelassen reagierende Person sei grundsätzlich schmerzresistenter.
Die Unsichtbarkeit umgekehrter Vergleichssituationen
Dieser Vergleich ist jedoch asymmetrisch. Männer mit beruflich „abgehärteten“ Händen – etwa durch handwerkliche, technische oder körperliche Arbeit – werden selten im Alltag auf genau diese Reize getestet. Die Ehefrau kommt nicht mit der Familie an den Arbeitsplatz ihres Gatten und sagt: „Lass mich das auch mal machen.“ Entsprechend bleiben Situationen, in denen Frauen empfindlicher reagieren würden, unsichtbar. Sichtbar wird fast ausschließlich der umgekehrte Fall.
Wie Mythen medial verstärkt werden
Populäre Witze und virale Bilder greifen genau diese verzerrte Vergleichssituation auf: Die Frau wendet scheinbar mühelos das Kotelett mit bloßen Fingern, der Mann zuckt zurück – und das Publikum lacht über das „Weichei“. Was dabei gezeigt wird, ist jedoch keine allgemeine Schmerztoleranz, sondern Gewöhnung an einen sehr spezifischen Reiz. Der Witz zementiert einen Mythos, erklärt aber nichts über grundlegende Schmerzverarbeitung.
Abgrenzung: Gewöhnung versus chronischer Schmerz
Diese Gewöhnung darf zudem nicht mit chronischem Schmerz verwechselt werden. Wiederholte starke, unkontrollierbare oder anhaltende Schmerzen können das Nervensystem sensibler machen. In solchen Fällen entsteht ein sogenanntes Schmerzgedächtnis, bei dem selbst schwache Reize als stark schmerzhaft empfunden werden. Chronischer Schmerz erhöht die Schmerzempfindlichkeit – er macht nicht „abgehärtet“, sondern verletzlicher.
Warum Kontext für jede Bewertung entscheidend ist
Aussagen über Schmerztoleranz müssen daher immer berücksichtigen, wer woran gewöhnt ist und unter welchen Bedingungen der Vergleich stattfindet. Der Vergleich ungeübter mit geübter Personen führt sonst systematisch zu falschen Schlussfolgerungen. Genau auf dieser Verzerrung beruhen viele der verbreiteten Mythen über Männer und Schmerz.
Evolutionäre Deutung der Schmerzerinnerung
Schmerz als evolutives Schutzsignal
Aus evolutionärer Sicht ist es plausibel, dass sich zwischen Männern und Frauen im Durchschnitt Unterschiede im Umgang mit Schmerz entwickelt haben. Schmerz ist kein Selbstzweck, sondern ein Warn- und Schutzsignal: Er soll uns davon abhalten, uns weiter zu schädigen.
Wann Schmerz schützt – und wann Belastbarkeit sinnvoll ist
Doch wovon hängt es ab, ob Schmerz uns schützt, weil er ein sinnvolles Vermeidungsverhalten auslöst, oder ob es Sinn macht, weniger empfindlich auf potentiell schmerzhafte Ereignisse zu reagieren? Ausschlaggebend ist dabei, wie viel mechanische Einwirkung ein Organismus verkraften kann, ohne strukturell geschädigt zu werden.
Funktionale Unterschiede im evolutionären Kontext
In vielen lebenspraktischen Situationen war es für Männer funktional, trotz Verletzung handlungsfähig zu bleiben – etwa bei Jagd, Verteidigung oder körperlich riskanten Tätigkeiten. Ein Nervensystem, das Schmerzen zwar wahrnimmt, aber nicht sofort zur vollständigen Handlungsunfähigkeit führt, konnte hier von Vorteil sein – vorausgesetzt, der Körper ist so robust aufgestellt, dass er schmerzhafte Zusammenstöße verkraften kann.
Da Frauen im Durchschnitt körperlich weniger robust gebaut sind, erfüllte eine frühere und stärkere Schmerzreaktion dagegen eher eine schützende Funktion. Sie begünstigt Vorsicht, Rückzug und Vermeidung von Risiken – Verhaltensweisen, die in vielen Situationen das Überleben und die körperliche Unversehrtheit sichern.
Das Auge als Extrembeispiel für Schutz durch Schmerz
Dass Schmerz in erster Linie der Gefahrenvermeidung dient, zeigt sich besonders deutlich an Körperstrukturen, die bei mechanischer Einwirkung schnell und dauerhaft geschädigt werden können. Das Auge ist dafür ein anschauliches Beispiel.
Warum hohe Schmerzempfindlichkeit sinnvoll sein kann
Schon sehr geringe Reize – ein Finger, ein Staubkorn, ein leichter Stoß – lösen dort starke Schmerzen aus, weil das Auge extrem verletzlich ist. Eine mechanische Einwirkung, die am Oberarm keinerlei Schaden anrichtet, kann das Auge irreversibel beschädigen.
Entsprechend wäre es biologisch unsinnig, wenn das Auge Schmerzreize ebenso schwach melden würde wie ein Oberarm. Ein Oberarm hingegen muss keinen massiven Schutzmechanismus auslösen, wenn man ihn mit dem Finger piekst – er ist dafür gebaut, solche Einwirkungen zu verkraften. Ein Auge ist es nicht. Deshalb hat sich in der Evolution ein Nervensystem durchgesetzt, das dort besonders früh, besonders stark und besonders alarmierend reagiert.
Schmerzempfindlichkeit ist keine Schwäche
Die hohe Schmerzempfindlichkeit ist also kein Zeichen von Schwäche im Sinne von Anstellerei, sondern eine funktionale Anpassung: Sie erzwingt sofortiges Vermeidungsverhalten und schützt eine Struktur, die sonst nicht geschützt werden könnte.
Grenzen der Analogie
Wichtig ist dabei: Solche Überlegungen beschreiben Grundprinzipien und statistische Durchschnittsmuster, keine festen Rollen und keine Aussagen über einzelne Menschen. Sie lassen sich auch nicht proportional übertragen: Frauen sind nicht „so empfindlich wie ein Auge“, Männer nicht „so belastbar wie ein Oberarm“.
Die Analogie dient der Veranschaulichung eines biologischen Prinzips, nicht der Einordnung realer Menschen. Sie erklärt funktionale Zusammenhänge – nicht, wie jemand sein sollte oder wie jede einzelne Person Schmerz erlebt.
Robustheit und Schmerzverarbeitung sind nicht fest gekoppelt
Daher kann es auch körperlich sehr robuste Menschen mit hoher Schmerzempfindlichkeit geben – ebenso wie zierliche Menschen mit hoher Schmerztoleranz. Körperliche Robustheit und Schmerzverarbeitung sind evolutionär geschlechtsspezifisch begünstigt, aber nicht individuell fest miteinander gekoppelt. Die Natur arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten und Streuungen, nicht mit sauber passenden Paketen.
Durchschnitt versus Einzelfall
Das bedeutet: In der Evolution wurden beim Mann im Durchschnitt sowohl körperliche Robustheit als auch eine höhere Schmerztoleranz begünstigt. Das heißt jedoch nicht, dass diese beiden Eigenschaften bei jedem einzelnen Mann zwangsläufig gemeinsam auftreten. Es handelt sich um zwei unterschiedliche Merkmale, die statistisch häufiger zusammen vorkommen, aber nicht untrennbar miteinander verbunden sind.
Analogie: Körpergröße und Bartwuchs
Ein anschaulicher Vergleich ist Körpergröße und Bartwuchs. Männer sind im Durchschnitt größer als Frauen und haben im Durchschnitt deutlich mehr Bartwuchs. Trotzdem gibt es kleine Männer mit starkem Bartwuchs, große Männer ohne Bartwuchs, Frauen, die größer sind als viele Männer, und Frauen, die mehr Bartwuchs haben als mancher Mann. Niemand käme ernsthaft auf die Idee, aus einem einzelnen große-Frau–kleiner Mann-Vergleich zu schließen, Frauen seien im Durchschnitt größer als Männer.
Der häufige Denkfehler
Genau dieser Denkfehler wird jedoch häufig gemacht, wenn individuelle Ausnahmen herangezogen werden, um statistische Durchschnittsmuster zu widerlegen. Belastbare Aussagen über geschlechtsspezifische Unterschiede lassen sich nur treffen, wenn man den Durchschnitt betrachtet – nicht, indem man gezielt einzelne Personen aus der Streuung herauspickt.
Wie aus Studien Mythen werden: Schmerzerinnerung und Fehlinterpretation
Wenn Studien falsch gelesen werden
Verbreitete Vorstellungen über „ängstliche“ oder „empfindliche“ Männer entstehen häufig aus Fehlinterpretationen dessen, was Studien tatsächlich messen. Ein besonders anschauliches Beispiel liefert die Forschung zur Schmerzerinnerung.
Aufbau der Studie
In einer experimentellen Studie mit 41 Männern und 38 Frauen wurde untersucht, wie sich frühere Schmerzerfahrungen auf die Bewertung späterer Schmerzreize auswirken. Dabei zeigte sich, dass Männer einen identischen Schmerzreiz höher bewerteten, wenn er im selben Versuchsraum stattfand wie am Vortag. Frauen bewerteten den Schmerz unabhängig vom Ort gleich stark.
Der entscheidende Befund: Kontext statt Schmerz
Entscheidend ist: Der Effekt trat nur dann auf, wenn der räumliche Kontext identisch war. Wurde der Schmerzreiz in einem anderen Raum gesetzt, verschwand der Unterschied vollständig. Männer erinnerten sich also nicht stärker an den Schmerz selbst, sondern an die Umgebung, in der er erlebt wurde.
Stressreaktion und Gedächtnisaktivierung
Diese Kontextverknüpfung ging bei Männern mit einer stärkeren Ausschüttung von Stresshormonen (insbesondere Cortisol) einher. Das spricht nicht für erhöhte Ängstlichkeit, sondern für eine stärkere situationsbezogene Aktivierung des Stress- und Gedächtnissystems.
Mediale Verzerrung der Ergebnisse
In der medialen Berichterstattung wurde dieser Befund häufig verzerrt wiedergegeben. Aus einer Untersuchung zur Verknüpfung von Schmerz mit räumlichem Kontext wurde die Behauptung abgeleitet, Männer hätten „mehr Angst vor Schmerz“ oder seien schneller abgeschreckt.
Was die Studie nicht zeigt
Genau das sagt die Studie jedoch nicht. Sie zeigt weder eine geringere Schmerztoleranz noch eine stärkere Angstreaktion bei Männern. Sie zeigt lediglich, dass Männer schmerzhafte Erfahrungen stärker mit der Umgebung verknüpfen, in der sie stattgefunden haben.
Vom Befund zum Mythos
Die Verschiebung von „kontextbezogener Erinnerung“ zu „größerer Ängstlichkeit“ ist kein wissenschaftliches Ergebnis, sondern eine Deutung. Sie passt gut zu bestehenden gesellschaftlichen Erwartungen – und wird genau deshalb bereitwillig aufgegriffen.
Evolutionäre Einordnung
Aus evolutionärer Perspektive ist eine stärkere räumliche Verknüpfung von Gefahr und Schmerz plausibel. Sie ermöglicht es, gefährliche Orte schneller wiederzuerkennen und entsprechend zu reagieren. Eine solche Gedächtnisstrategie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von situationsbezogener Risikobewertung.
Konkrete Mythen und ihre Einordnung
Die bisherige Darstellung hat gezeigt, dass geschlechtsspezifische Unterschiede im Schmerzerleben existieren, zugleich aber stark von Kontext, Methode und individueller Streuung abhängen.
Trotzdem halten sich im öffentlichen Diskurs einige sehr konkrete Behauptungen hartnäckig. Sie tauchen in Medien, sozialen Netzwerken und Alltagsgesprächen immer wieder auf und werden oft als selbstverständlich vorausgesetzt – ohne zu prüfen, ob sie sich aus der Forschung tatsächlich ableiten lassen.
Die folgenden Abschnitte greifen einige dieser verbreiteten Mythen exemplarisch auf. Sie werden nicht deshalb behandelt, weil sie besonders klug formuliert wären, sondern weil sie besonders häufig vorkommen und das öffentliche Bild von Männern und Schmerz prägen.
Ziel ist dabei nicht, einzelne Erfahrungen oder Erlebnisse zu bewerten, sondern zu prüfen, welche Schlussfolgerungen sich aus ihnen wissenschaftlich ziehen lassen – und welche nicht.
Mythos 1: Männer könnten den Geburtsschmerz nicht aushalten, weil sie zu empfindlich seien
Diese Behauptung wird häufig so vorgetragen, als handle es sich um einen naturwissenschaftlichen Befund. Das ist sie nicht. In der Regel ist sie eine Mischung aus Symbolik, Übertreibung und sozialem Spott – also eine kulturelle Erzählung, keine empirische Aussage.
Um das einzuordnen, sind mehrere Punkte voneinander zu trennen, die in der öffentlichen Debatte meist miteinander vermischt werden.
Geburtsschmerz ist kein Maß für allgemeine Schmerztoleranz
Geburtsschmerz ist ein hochspezifischer physiologischer Prozess. Er umfasst unter anderem Wehentätigkeit, Dehnungsvorgänge, Druck, hormonelle Veränderungen, Stressreaktionen, Atemmuster, Erwartungshaltungen und soziale Unterstützung. Er findet in einem klar definierten biologischen Kontext statt.
Selbst wenn man akzeptiert, dass Geburt für viele Frauen extrem schmerzhaft ist, folgt daraus nicht, dass Männer „zu schwach“ wären. Die Forschung zu allgemeinen Geschlechtsunterschieden bei Schmerzempfindlichkeit und Schmerztoleranz spricht eher gegen diese einfache Schlussfolgerung.
Was wäre, wenn Männer Kinder bekommen würden?
Die populäre Frage „Was wäre, wenn Männer die Kinder kriegen müssten?“ ist kein Gedankenexperiment über Schmerz, sondern über Rollenbilder. Biologisch betrachtet wäre die Ausgangslage eine andere, als sie in solchen Spottfragen unterstellt wird.
Erstens: Männer hätten im Rahmen einer Schwangerschaft und Geburt dieselbe hormonelle Ausstattung, die bei Frauen zur Geburt gehört. Schwangerschafts- und Geburtsprozesse gehen mit einer veränderten Ausschüttung schmerzlindernder und stressmodulierender Hormone einher. Geburt findet nicht im hormonellen Normalzustand statt.
Zweitens: Männer würden zusätzlich von ihrer im Durchschnitt höheren allgemeinen Schmerzbelastbarkeit profitieren, die sich in vielen experimentellen und klinischen Studien zeigt.
Drittens – und das ist der Punkt, den die Spottfrage eigentlich berührt: Wenn Kinderkriegen eine typisch männliche Eigenschaft wäre, wäre sie kulturell positiv besetzt. Männer würden sich umso männlicher fühlen, je mehr Kinder sie zur Welt bringen und sie würden sich von klein auf selbstverständlich mit dem Thema identifizieren und so das Selbstverständnis entwickeln, diese Aufgabe bewältigen zu können. Die häufig zitierte Vorstellung „Dann hätte jeder Mann nur ein Kind“ ist keine Aussage über Schmerz, sondern über soziale Bedeutungszuschreibung. Sie sagt mehr über heutige Rollenbilder aus als über Physiologie.
Männliche Wettkampfmentalität und Motivation
Hinzu kommt ein Aspekt, der in der Debatte meist ignoriert wird: Motivation und Wettbewerb verändern Schmerzverarbeitung. Männer zeigen im Durchschnitt eine stärkere Wettkampforientierung, eine höhere Risikobereitschaft und eine stärkere dopaminerge Belohnungsreaktion bei Erfolg. Testosteron steht in engem Zusammenhang mit wettbewerbsorientiertem Verhalten.
In einem Setting, in dem Kinderkriegen Status, Anerkennung oder Wettbewerb bedeutet, würde dies zwangsläufig Einfluss darauf haben, wie Belastung wahrgenommen und ausgehalten wird. Schmerz ist kein rein mechanischer Reiz, sondern immer auch motivational eingebettet.
Geburt ist nicht der „stärkste Schmerz überhaupt“
Die häufige Behauptung, Geburt sei der stärkste Schmerz, den es gibt, ist kein medizinischer Befund. Schmerz ist subjektiv, kontextabhängig und extrem variabel.
Es gibt Frauen, die ihre Geburt als extrem schmerzhaft beschreiben. Es gibt aber ebenso Frauen, die berichten, dass ihre Geburt kaum oder gar nicht schmerzhaft war. Wehen werden teilweise als rhythmische „Wellen“ wahrgenommen, nicht als Schmerz im klassischen Sinn. Der Geburtskanal wird hormonell weich und dehnbar, der Druck des kindlichen Kopfes führt zu einer lokalen Durchblutungsstörung, die das Gewebe vorübergehend unempfindlicher macht – manche Frauen beschreiben diesen Zustand sehr drastisch, etwa mit der Aussage, sie seien „ab den Augenbrauen abwärts taub“ gewesen.
Die enorme Bandbreite des Geburtserlebens allein macht deutlich, dass Geburt kein einheitlicher Referenzschmerz ist.
Andere Zustände können als schmerzhafter erlebt werden
Zahlreiche Frauen berichten, dass andere Erfahrungen schmerzhafter waren als ihre Geburt: Tätowierungen, Epilieren, Magen-Darm-Infekte mit Krämpfen, Nierenkoliken. Es gibt Frauen, die bei einer schweren Magen-Darm-Erkrankung kollabieren, bei der Geburt jedoch nicht. Es gibt dokumentierte Fälle, in denen sehr adipöse Frauen eine Schwangerschaft nicht bemerken und den vollständigen Geburtsvorgang für bereits vertraute Verdauungsbeschwerden halten – bis plötzlich das Kind da ist.
Diese Beispiele sollen Geburt nicht verharmlosen. Sie zeigen lediglich, dass der Superlativ „stärkster Schmerz überhaupt“ empirisch nicht haltbar ist.
Historische Erfahrungen mit extremem Schmerz
Auch historische Quellen widersprechen der Vorstellung, Frauen seien grundsätzlich schmerzunempfindlicher als Männer. In rechtlichen Regelwerken zur körperlichen Züchtigung – etwa im deutschsprachigen Raum zwischen dem späten 18. und frühen 20. Jahrhundert – wurde explizit zwischen Männern und Frauen unterschieden. Frauen galten als weniger schmerzbelastbar und sollten entsprechend milder bestraft werden, nicht aus Humanität, sondern um eine unbeabsichtigte Tötung zu vermeiden.
Diese Einschätzung beruhte nicht auf Ideologie, sondern auf praktischer Erfahrung mit extremen Schmerzreizen. Eine echte Peitsche verursacht offene, hochschmerzhafte Verletzungen. Solche Prozeduren sind in ihrer Schmerzintensität deutlich jenseits dessen, was mit Geburt oder Simulatoren vergleichbar ist.
Auch Foltermethoden wie Pfahlhängen oder starke elektrische Reize verursachen Schmerzen, die regelmäßig zu Ohnmacht, schweren Verletzungen oder Tod führen. Der Vergleich zeigt nicht, dass Geburt „harmlos“ ist, sondern dass die Behauptung eines absoluten Schmerzmaximums biologisch keinen Sinn ergibt.
Schwangerschaftshormone und Schmerzverarbeitung
Ein wesentlicher Faktor für geschlechtsspezifische Unterschiede in der Schmerzverarbeitung ist die hormonelle Ausstattung. Beim Mann wirkt insbesondere Testosteron schmerzmodulierend und trägt zur im Durchschnitt höheren Schmerzbelastbarkeit bei.
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der weibliche Körper sich während der Schwangerschaft hormonell in eine ähnliche Richtung verändert. Der erhöhte Progesteronspiegel wirkt ebenfalls schmerzmodulierend und erhöht die Schmerzbelastbarkeit – insbesondere im Hinblick auf die bevorstehende Geburt.
Biologisch betrachtet ist diese Anpassung aufschlussreich: Der weibliche Körper greift in dieser Phase auf eine Strategie zurück, die funktional der männlichen ähnelt. Er passt sich in Bezug auf die hormonell vermittelte Schmerzverarbeitung also an einen männlichen Modus an, der höhere Schmerzbelastung ermöglicht.
Das wäre unlogisch, wenn Männer von Natur aus schmerzempfindlicher wären. Warum sollte sich der weibliche Organismus, wenn er bereits schmerzresistenter ist, an den schmerzempfindlicheren männlichen Organismus anpassen, um belastbarer zu werden?
Das wäre nicht sinnvoll, denn Anpassung erfolgt immer in Richtung der funktional günstigeren Strategie, nicht in Richtung einer ungünstigeren.
Nach der Geburt sinkt der Progesteronspiegel wieder ab, und die Schmerzempfindlichkeit kehrt auf das vorherige Niveau zurück. Das unterstreicht, dass es sich um eine gezielte, funktionale Anpassung handelt – nicht um eine dauerhafte Überlegenheit eines Geschlechts.
Männer hingegen sind aufgrund ihrer hormonellen Ausstattung, neuronalen Schmerzverarbeitung und lebenslangen Lernerfahrungen dauerhaft auf höhere Schmerzbelastung eingestellt.
Fazit
Die Behauptung, Männer könnten Geburtsschmerz nicht aushalten, ist kein wissenschaftlicher Befund. Sie beruht auf der Vermischung eines spezifischen biologischen Ausnahmezustands mit allgemeinen Aussagen über Schmerztoleranz, verstärkt durch Spott, Rollenbilder und symbolische Überhöhung.
Geburt ist eine besondere, komplexe Belastung. Daraus lässt sich weder auf die generelle Schmerztoleranz eines Geschlechts schließen noch auf dessen „Stärke“ oder „Schwäche“. Wer das dennoch tut, betreibt keine Wissenschaft, sondern Mythenerzählung.
Mythos 2: Schmerz-Simulatoren sollen zeigen, wie Männer auf Menstruations- oder Geburtsschmerz reagieren würden
Unabhängig davon, wie einzelne Versuche mit Menstruations- und Wehensimulatoren ausgehen, beruhen diese Schlussfolgerungen auf einem grundlegenden Denkfehler: Simulatoren messen weder allgemeine Schmerztoleranz noch die Fähigkeit, mit realen, vertrauten Belastungen umzugehen. Sie erzeugen künstliche Schmerzreize in einem spezifischen Vorführ- oder Wettkampfsetting und vergleichen dabei systematisch unvergleichbare Situationen.
Menstruationsschmerz-Simulatoren: Gewöhnung und Erwartung
Menstruationsschmerz-Simulatoren erzeugen krampfartige Schmerzen, die der Schmerzqualität von Menstruationsbeschwerden ähneln. Entscheidend ist dabei nicht die Intensität des Reizes, sondern der Kontext, in dem er erlebt wird.
Für Frauen handelt es sich um eine grundsätzlich bekannte Schmerzart. Viele haben über Jahre hinweg gelernt, mit genau diesen krampfartigen Schmerzen umzugehen. Diese Gewöhnung wirkt auf mehreren Ebenen: physiologisch, psychisch und emotional. Hinzu kommt eine klare Erwartungshaltung: Das kenne ich. Damit kann ich umgehen. Das gehört zu mir.
Für Männer ist diese Schmerzart hingegen neu, ungewohnt und ohne biografische Einbettung. Es fehlt sowohl die körperliche Gewöhnung als auch die mentale Vorbereitung. Der Reiz trifft auf ein Nervensystem, das weder gelernt hat, diesen Schmerz einzuordnen, noch einen sinnhaften Kontext dafür besitzt.
Unter solchen Bedingungen ist eine Reaktion weder aussagekräftig noch methodisch zulässig. Verglichen wird hier nicht „Mann gegen Frau“, sondern „ungewohnter Schmerz ohne Bedeutung“ mit „bekanntem Schmerz im vertrauten Kontext“.
Wehensimulatoren: Künstlicher Schmerz ohne biologischen Kontext
Ähnlich verhält es sich bei sogenannten Wehensimulatoren. Diese Geräte wurden ursprünglich im medizinischen Kontext eingesetzt, um werdenden Vätern eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie schmerzhaft starke Wehen sein können. Dabei simulieren sie meist ausschließlich die intensivsten Phasen des Geburtsprozesses und lassen frühere, weniger belastende Phasen unberücksichtigt.
Technisch erzeugen Wehensimulatoren mittels Elektrostimulation schmerzhafte, krampfartige Kontraktionen der Bauchmuskulatur. Vereinzelt wurden zusätzlich tieferliegende Schmerzen beschrieben, etwa das Gefühl, innere Organe würden „zerreißen“.
Ein zentraler Unterschied zur echten Geburt besteht darin, dass beim Simulator der hormonelle Kontext vollständig fehlt. Während der Geburt schüttet der Körper eine Vielzahl schmerzmodulierender Hormone aus – darunter Endorphine und andere Neurotransmitter, deren Wirkung die von Morphium um ein Vielfaches übersteigen kann. Dieser hormonelle Schutzmechanismus fehlt beim Simulator vollständig. Der künstlich erzeugte Schmerz ist daher oft schwerer auszuhalten als das reale Geburtserleben selbst.
Das erklärt auch, warum Frauen Wehensimulatoren häufig früher abbrechen als echte Geburten – etwa durch Kaiserschnitt oder PDA – während sie reale Geburten trotz Schmerzen bewältigen. Der Simulator misst also nicht „Geburtsfähigkeit“, sondern die Toleranz gegenüber einem biologisch entkoppelten Reiz.
Motivation, Setting und Verzerrung
Hinzu kommen psychische und soziale Faktoren. Simulator-Experimente finden oft in Vorführ- oder Wettkampfsituationen statt. Manche sind bewusst so angelegt, dass sie blamieren oder unterhalten sollen. In anderen Fällen tritt ein sportlicher Ehrgeiz auf, insbesondere bei Männern, die versuchen, möglichst lange „durchzuhalten“. Entsprechend finden sich Berichte, in denen Männer die vermeintlich simulierten Geburtsschmerzen länger ertragen als Frauen – ebenso wie umgekehrt.
Solche Anekdoten sind wissenschaftlich wertlos. Motivation, Erwartung, soziale Beobachtung und Bedeutung des Schmerzes verzerren die Ergebnisse massiv. Künstlicher Schmerz ohne sinnvollen Kontext wird von vielen Menschen schlechter toleriert als Schmerz, der Teil eines realen, bedeutungsvollen Prozesses ist.
Erschwerend kommt hinzu, dass Wehensimulatoren technisch stark variieren. Geräte aus dem Handel sind mit klinischen Systemen nicht vergleichbar, die Intensität der Reize unterscheidet sich erheblich, und standardisierte Vergleichsbedingungen fehlen fast immer.
Fazit
Simulatoren blenden Gewöhnung, Erwartung, hormonellen Kontext und Motivation systematisch aus. Sie erzeugen künstliche Situationen und zeigen nicht, wer mehr Schmerz aushält, sondern lediglich, wie Menschen auf ungewohnten, kontextlosen Schmerz reagieren.
Mythos 3: Frauen kommen mit chronischen Schmerzen besser zurecht als Männer
Woher die Behauptung stammt
Diese Behauptung taucht vor allem im Zusammenhang mit chronischen Schmerzerkrankungen auf, etwa bei rheumatischen Beschwerden. Als Beleg wird dabei häufig auf Studien verwiesen, in denen Unterschiede im Umgang mit langanhaltenden Schmerzen zwischen Männern und Frauen beobachtet wurden. Auch mediale Berichterstattungen – etwa durch die Bild-Zeitung – haben solche Studien wiederholt aufgegriffen und zugespitzt.
Was diese Studien tatsächlich messen
Der entscheidende Punkt wird dabei jedoch regelmäßig übersehen:
Diese Studien messen nicht Schmerztoleranz, sondern Bewältigungs- und Behandlungsstrategien.
Die beobachtete Ausgangslage
In einer häufig zitierten Untersuchung zeigte sich, dass Männer mit chronischen rheumatischen Schmerzen im Mittel seltener auf ärztlich verordnete Schmerzmedikamente zurückgriffen, während Frauen häufiger medizinische Behandlungsangebote nutzten. Stattdessen wurde bei Männern häufiger ein erhöhter Alkoholkonsum als Form der Selbstregulation beobachtet.
Die schleichende Bedeutungsverschiebung
Aus dieser Beobachtung entwickelte sich schrittweise eine problematische Bedeutungsverschiebung:
Beobachtung:
Männer verzichten häufiger auf Medikamente und regulieren Schmerzen häufiger über Alkohol, Frauen nutzen häufiger medizinische Schmerztherapie.Mediale Deutung:
Frauen gehen „vernünftiger“ mit chronischen Schmerzen um.Implizite Schlussfolgerung:
Frauen kommen besser mit chronischem Schmerz zurecht.Alltagsmythos:
Frauen können chronische Schmerzen besser aushalten als Männer.
Genau hier entsteht der Mythos.
Nicht durch die Studie selbst, sondern durch die schleichende Umdeutung dessen, was überhaupt gemessen wurde.
Chronischer Schmerz ist kein akuter Schmerz
Chronischer Schmerz funktioniert grundsätzlich anders als akuter Schmerz. Er ist nicht primär ein Warnsignal, sondern das Ergebnis komplexer neurophysiologischer Veränderungen. Lernprozesse, Erwartungshaltungen, emotionale Faktoren und frühere Erfahrungen beeinflussen das Schmerzerleben hier besonders stark. Aussagen darüber, wer mit chronischem Schmerz „besser zurechtkommt“, lassen sich aus solchen Konstellationen nur sehr eingeschränkt ableiten.
Alkohol als verzerrender Faktor
Erschwerend kommt hinzu, dass Alkoholkonsum bei chronischen rheumatischen Erkrankungen in anderen Studien mit häufigeren Schmerzschüben und ungünstigeren Krankheitsverläufen in Verbindung gebracht wird. Alkohol bietet keine nachhaltige analgetische Entlastung, sondern kann langfristig die Schmerzproblematik verstärken.
Strukturell unterschiedliche Belastungsniveaus
Frauen, die im Mittel häufiger auf ärztlich verordnete Schmerzmedikation zurückgreifen, erfahren dadurch zumindest eine zeitweise symptomatische Entlastung. Männer, die stattdessen häufiger Alkohol zur Selbstregulation nutzen, haben diese Entlastung in der Regel nicht. Dadurch unterscheiden sich die langfristigen Belastungsniveaus beider Gruppen bereits strukturell.
Warum der Vergleich methodisch verzerrt ist
Ein direkter Vergleich „chronischer Schmerz bei Frauen“ versus „chronischer Schmerz bei Männern“ ist unter diesen Bedingungen methodisch verzerrt, weil nicht dieselbe Schmerzrealität verglichen wird, sondern unterschiedliche Formen von Symptomdämpfung und Krankheitsverlauf.
Hinweis auf biologische Einflussfaktoren
Interessant ist in diesem Zusammenhang ein weiterer Befund: In einzelnen klinischen Beobachtungen berichten Personen nach einer medizinisch begleiteten Geschlechtsumwandlung von Frau zu Mann im Durchschnitt über geringere chronische Schmerzen. Solche Beobachtungen sprechen eher für den Einfluss biologischer Faktoren – etwa hormoneller und neurophysiologischer Veränderungen – als für eine Erklärung über mentale Stärke, Leidensfähigkeit oder „besseres Aushalten“.
Zusammengefasst:
Aus Unterschieden im Umgang mit chronischen Schmerzen lässt sich keine belastbare Aussage über eine grundsätzlich höhere Schmerztoleranz eines Geschlechts ableiten. Der Mythos, Frauen kämen mit chronischen Schmerzen besser zurecht als Männer, beruht auf der Vermischung von Behandlungsverhalten, Bewältigungsstrategien und moralischer Bewertung – nicht auf einem physiologisch definierten Maß für Schmerz.
Warum sich Mythen trotzdem „echt“ anfühlen können
Menschen erinnern Ausnahmen stärker als Normalfälle. Wenn etwas nicht ins Erwartungsmuster passt, bleibt es eher hängen. In einem Kulturklima, in dem männliches Klagen leichter belächelt wird, kann ein einzelnes „Aua“ stärker auffallen als viele stille Fälle.
Dazu kommen klassische Verzerrungen: selektive Aufmerksamkeit, Bestätigungsfehler, soziale Belohnung durch Spott und Likes. Das ist kein „Frauen sind schuld“-Thema und kein „Männer sind schuld“-Thema, sondern ein Mechanismus von Wahrnehmung und sozialer Verstärkung.
Ein Punkt, der in der Forschungsliteratur gut belegt ist: Bei Ängsten und Phobien (inkl. Nadel-/Spritzenangst) findet man häufig höhere Prävalenzen bei Frauen.
Das heißt nicht „Frauen sind wehleidiger“, sondern: Unterschiede in Emotion, Erwartung, Lernen und Biologie existieren – und beeinflussen Schmerz- und Angsterleben.
Fazit
Wenn man Schmerz „wissenschaftlich“ betrachtet, wirkt das Bild weniger ideologisch, weniger spöttisch und weniger geeignet für Stammtischsätze. Die Forschungslage wird häufig so zusammengefasst:
Frauen zeigen im Mittel höhere Schmerzempfindlichkeit und höheres Risiko für bestimmte klinische Schmerzprobleme.
Frauen berichten in vielen klinischen Situationen häufiger stärkere Schmerzen (z. B. postoperativ).
Die Unterschiede sind real, aber komplex: Methode, Schmerzart, Kontext und psychosoziale Faktoren verändern das Bild.
Die populäre Pointe „Männer könnten das nicht aushalten“ ist damit als pauschale Behauptung nicht haltbar.
Beispiel: Schmerzäußerung und subjektive Erfahrung
Eine Tätowiererin arbeitet seit vielen Jahren in ihrem Studio. Täglich tätowiert sie Menschen an unterschiedlichen Körperstellen und erlebt dabei immer wieder Kundinnen und Kunden, die während des Tätowierens Schmerzen äußern – durch Anspannung, Grimassen oder verbale Reaktionen.
Die Mehrheit ihrer Kundschaft reagiert kontrolliert oder nur mit kurzen Anzeichen von Unbehagen. Dennoch bilden sich mit der Zeit Eindrücke – und Meinungen.
Die Tätowiererin ist überzeugt: Männer reagieren beim Tätowieren schmerzempfindlicher als Frauen.
Diese Überzeugung erscheint ihr plausibel. Sie passt zu einer Vorstellung, die ihr aus öffentlichen Darstellungen vertraut ist: Männer würden Schmerzen schlechter aushalten, schneller klagen und weniger belastbar reagieren. Diese Sichtweise entspricht zwar nicht den traditionellen Geschlechterzuschreibungen, wurde ihr jedoch in den letzten Jahren zunehmend über Medien, soziale Netzwerke und gesellschaftliche Diskurse vermittelt.
Der Gedanke gefällt ihr. Er fügt sich gut in ein gesellschaftlich positiv besetztes, gewünschtes Selbstbild: Frauen gelten darin als stark, widerstandsfähig und souverän. Entsprechende Zuschreibungen sind präsent und anerkannt, während vergleichbare positive Etikettierungen für Männer seltener vorkommen. Die Einordnung wirkt stimmig und bestätigt zugleich ein attraktives Rollenbild.
In ihrem Arbeitsalltag erlebt die Tätowiererin sowohl Männer als auch Frauen, die während des Tätowierens Schmerzen deutlich äußern. Objektiv betrachtet kommen solche Reaktionen bei beiden Geschlechtern vor.
Dennoch prägt diese Verteilung ihre Wahrnehmung kaum. Ihr Fokus richtet sich vor allem auf Männer, die stark reagieren. Genau diese Situationen bleiben besonders haften. Der Grund dafür liegt nicht in einem bewussten Vorsatz, sondern in einem grundlegenden Wahrnehmungsmechanismus: Menschen neigen dazu, Informationen stärker wahrzunehmen und besser zu erinnern, wenn sie bereits bestehende Überzeugungen bestätigen – eben weil Menschen Bestätigung suchen und für diese besonders empfänglich sind. In der Psychologie ist dieser Effekt als Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) bekannt.
Nicht nur die betroffenen Männer fallen ihr dadurch stärker auf – auch die Schmerzäußerungen selbst wirken intensiver. Aufmerksamkeit verstärkt Wahrnehmung, und stark wahrgenommene Eindrücke werden nachhaltiger im Gedächtnis gespeichert.
Mit der Zeit entsteht so das Gefühl, eine klare eigene Erfahrung gemacht zu haben. Die Tätowiererin ist überzeugt, dieses Muster immer wieder beobachtet zu haben. Aus ihrer Sicht handelt es sich nicht um eine Meinung, sondern um berufliche Praxis.
Diese subjektive Erfahrung verfestigt sich weiter durch einen weiteren in der Psychologie gut beschriebenen Effekt: den Beharrungsfehler (Belief Perseverance). Einmal gebildete Überzeugungen werden bevorzugt bestätigt, während widersprechende Beobachtungen als untypisch oder wenig relevant eingeordnet werden. Neue Eindrücke werden nicht neutral bewertet, sondern im Licht der bestehenden Sichtweise interpretiert.
In der Konsequenz sagt die Tätowiererin:
„Ich tätowiere seit Jahren. Ich kann bestätigen, dass Männer beim Tätowieren empfindlicher reagieren.“
Jedes Mal, wenn sie diese Einschätzung gedanklich aufruft oder ausspricht, verfestigt sich ihre Überzeugung – und lenkt ihre Aufmerksamkeit künftig noch stärker auf genau solche Situationen.
Erst wenn Schmerz systematisch erfasst, vergleichbar gemacht und unabhängig von sichtbaren Äußerungen ausgewertet wird, zeigt sich, wie trügerisch subjektive Eindrücke sein können. Beobachtete Schmerzäußerung ist nicht gleichzusetzen mit tatsächlichem Schmerzerleben.
Das Beispiel verdeutlicht, wie leicht subjektive Wahrnehmung zur scheinbaren Erfahrung wird – nicht weil Menschen unehrlich sind, sondern weil Aufmerksamkeit, Erwartung und Erinnerung keine neutralen Messinstrumente sind.
Das hier beschriebene Muster steht exemplarisch für die Art und Weise, wie Alltagsannahmen unsere Wahrnehmung in unterschiedlichen Themenbereichen, die in diesem Kapitel behandelt werden, prägen können.
Quellen und weiterführende Literatur
Übersichtsarbeiten und klinische Einordnung
2. Wiesenfeld-Hallin Z. Sex differences in pain perception.
4. Lombana WG et al. Pain and gender differences: a clinical approach.
7. Review: Geschlechterunterschiede bei Schmerz und Schmerzlinderung
Klinische Beispiele (postoperativer Schmerz)
Nadel-/Spritzenangst (Überblick)
10. McLenon J, Rogers MAM. The fear of needles: review/overview, höhere Prävalenz bei Frauen.
Einordnung und Berichterstattung in den Medien
Die folgenden Medienbeiträge greifen zentrale Ergebnisse relevanter Studien auf und bereiten sie für ein breiteres Publikum auf. Medienberichte ersetzen keine wissenschaftlichen Originalarbeiten, zeigen jedoch, dass die beschriebenen Befunde auch außerhalb der Fachliteratur rezipiert werden.
Barmer:
Schmerzforschung / Neurologe Hartmut Göbel - Männer könnten Geburtsschmerz aushaltenMedienaufbereitung der Schmerzforschung mit vereinfachender Darstellung; keine systematische wissenschaftliche Einordnung.
science.lu – Wissenschaft in Luxemburg:
Schmerzforschung / Fernand Anton - Frauen sowohl empfindlicher als auch weniger schmerzbelastbar
Popularwissenschaftliche Darstellung auf Basis eines Experteninterviews; vereinfachte Einordnung der wissenschaftlichen Studienlage.
Spektrum.de / Buchkritik zu „Schmerz“:
Amrei Wittwer, Gerd Folkers – „Frauen meist deutlich schmerzempfindlicher als Männer“
Medienrezension eines populärwissenschaftlichen Buches, das Forschungsergebnisse zusammenfasst und interpretiert.
pressetext:
Frauen klagen nach Operationen über mehr Schmerzen
Medienbericht über die Ergebnisse einer größeren klinischen Untersuchung; keine Originalpublikation, aber zahlenbasierte Darstellung realer Studiendaten.
Süddeutsche Zeitung:
Zeitungsinterview mit einer Anästhesistin; Einordnung von Forschungsergebnissen und klinischen Beobachtungen ohne systematische Auswertung.
Ärzte Zeitung / EFIC-Kongress:
Gender-Unterschiede bei Schmerz
Medizinjournalistischer Kongressbericht über auf dem EFIC-Kongress präsentierte Studien-Abstracts; zusammenfassende Darstellung einzelner Forschungsergebnisse zu geschlechtsspezifischen Unterschieden bei Schmerz.
Institute for Women’s Leadership:
Warum empfinden Frauen mehr Schmerz als Männer?
Wissenschaftsnahe Übersichtsarbeit mit umfangreicher Referenzierung; zusammenfassende Einordnung der Forschungslage aus institutioneller Perspektive, ohne systematische Review-Methodik und mit klar erkennbarem thematischem Fokus auf geschlechtsspezifische Benachteiligungen.
Penn State News:
Forschungseinordnung: Männer zeigen in Studien oft höhereSchmerzschwelle
Universitäre Wissenschaftskommunikation mit zusammenfassender Einordnung der Studienlage; verweist auf häufig beobachtete höhere Schmerzschwellen bei Männern, betont jedoch die starke Abhängigkeit von Methodik, sozialem Kontext und subjektiver Schmerzmessung.
Science Alert:
Sind Frauen wirklich schmerztoleranter als Männer?
Populärwissenschaftlicher Artikel, der Studienergebnisse zu Schmerzschwelle und Schmerztoleranz zusammenfasst und biologische wie soziale Einflussfaktoren einordnet.
Hochschulambulanz für Psychotherapie an der Universität zu Köln:
Männer haben seltener Angst vor Blut und Spritzen
Informationsseite aus dem klinischen Kontext; thematisiert Prävalenzunterschiede bei Angstreaktionen, nicht Schmerzempfinden im engeren Sinn.
