Faktencheck – Mythos Männergrippe

Hinweis zu den Quellen:
Die folgenden Ausführungen basieren auf den unten aufgeführten Übersichtsarbeiten, klinischen Studien und ausgewählten Medienberichten. Die Quellen sind thematisch gebündelt und dienen der vertiefenden Einordnung der Forschungslage.

Kernaussagen dieses Kapitels

  • Der Begriff „Männergrippe“ ist kein medizinischer Begriff, sondern ein populärer Meinungstrend.

  • Männer werden bei Infektionskrankheiten im Durchschnitt schwerer krank als Frauen und haben entsprechend stärkere Symptome.

  • Wenn Frauen und Männer gleich starke Krankheitssymptome haben, berichten Frauen häufig über stärkere Beschwerden.

  • Frauen lassen sich häufiger wegen Erkältungskrankheiten krankschreiben als Männer – entgegen der verbreiteten Wahrnehmung.

  • Der Mythos der „wehleidigen Männer“ entsteht vor allem durch selektive Wahrnehmung, nicht durch die tatsächliche Häufigkeit oder Intensität von Krankheitsäußerungen.

Männergrippe – warum ein populärer Mythos die Wahrnehmung verzerrt

1. Was mit „Männergrippe“ gemeint ist

Mit dem Begriff „Männergrippe“ oder „Männerschnupfen“ wird die Vorstellung verbunden, Männer würden sich bereits bei leichten Erkältungssymptomen übermäßig anstellen, während Frauen selbst bei schweren Beschwerden tapfer und funktionstüchtig blieben.

Diese Vorstellung ist weit verbreitet, medial präsent und wird häufig humoristisch aufgegriffen. Medizinisch definiert ist sie jedoch nicht – sie beschreibt keine Krankheit, sondern eine Zuschreibung.

2. Biologische Unterschiede im Immunsystem

Zwischen Männern und Frauen bestehen gut belegte Unterschiede in der Funktionsweise des Immunsystems.

Das männliche Immunsystem reagiert bei viralen Infektionen im Durchschnitt weniger stark entzündlich, unter anderem durch den Einfluss von Testosteron. Das weibliche Hormon Östrogen hingegen fördert eine schnellere und stärkere Immunantwort.

Diese Unterschiede haben zwei Seiten:

  • Frauen sind bei vielen Infektionen besser geschützt, entwickeln aber deutlich häufiger Autoimmunerkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet - rund 80 % der Betroffenen sind Frauen.

  • Männer erkranken bei Infektionen häufiger schwerer, entwickeln öfter Komplikationen und haben eine höhere Sterblichkeit bei Erkrankungen wie Influenza.

Diese Unterschiede stellen keinen Fehler dar, sondern spiegeln unterschiedliche biologische Anpassungen wider.

3. Krankheitsschwere ist nicht gleich Wehleidigkeit

Wenn Männer bei Erkältungskrankheiten stärkere Symptome entwickeln und dann entsprechende Beschwerden äußern, tun sie das aus gutem Grund.

Dass stärkere Symptome auch stärkere Beschwerden auslösen, kann fälschlich den Eindruck erwecken, Männer stellten sich bereits bei leichten Erkrankungen an. Tatsächlich sind sie in diesen Fällen jedoch faktisch schwerer krank.

Der Eindruck von Wehleidigkeit entsteht somit nicht durch übertriebene Reaktionen, sondern durch eine Fehleinschätzung der tatsächlichen Krankheitsschwere.

4. Verhalten bei gleicher Symptomstärke

Untersuchungen, in denen Frauen und Männer mit vergleichbar starken Krankheitssymptomen betrachtet wurden, zeigen ein anderes Bild, als es der populäre Mythos nahelegt.

Frauen klagen bei gleicher objektiver Erkrankung häufig über stärker empfundene Beschwerden und schildern diese Beschwerden ausführlicher. Ärztlich messbare Unterschiede in der Krankheitsschwere lassen sich dabei oft nicht feststellen.

Dieses Muster zeigt sich auch in der Schmerzforschung: Bei identischen Reizen geben Frauen im Durchschnitt schneller, intensiver und länger Beschwerden an.

5. Krankschreibungen und die Diskrepanz zur Wahrnehmung

Zum Mythos der „Männergrippe“ gehört häufig auch die Behauptung, Männer würden sich bei Erkältungen besonders schnell krankmelden und seien deshalb am Arbeitsplatz häufiger abwesend.

Ein Blick in Krankenkassendaten widerspricht diesem Eindruck. Die KKH hat für den Winter 2015/2016 ausgewertet, wie viele Beschäftigte wegen Erkältungen krankgeschrieben waren. Hintergrund der Auswertung war die Frage, ob die häufig zitierte „Männergrippe“ tatsächlich existiert oder eher ein populärer Mythos ist. In diesem Zeitraum blieben 59.338 Frauen, aber nur 36.004 Männer wegen Erkältungen dem Arbeitsplatz fern. 

Ein naheliegender Einwand lautet, dass Frauen sich häufiger krankmelden, weil sie sich um kranke Kinder kümmern („kindkrank“). Auch dazu gibt es Daten: Im Gesundheitsreport 2016 der DAK gaben 26,8 % der Frauen und 17,5 % der Männer an, sich wegen einer Erkrankung des Kindes krankgemeldet zu haben. Der Unterschied beträgt 9,3 Prozentpunkte und erklärt den grundsätzlichen Befund nicht.

Zwei Schlussfolgerungen drängen sich damit auf: 

Erstens: Wenn Frauen sich trotz im Durchschnitt milderer Infektverläufe häufiger wegen Erkältungen krankschreiben lassen, passt das nicht zur verbreiteten Vorstellung, Männer würden bei Erkältungen grundsätzlich „übertreiben“. 

Zweitens: Wenn Frauen häufiger wegen Erkältungen am Arbeitsplatz fehlen, ist der verbreitete Eindruck, es seien vor allem Männer, die „ständig wegen Schnupfen ausfallen“, ein Beispiel für eine deutliche Fehlwahrnehmung.

Entscheidend ist dabei nicht, warum sich jemand krankmeldet, sondern dass hier eine klare Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und realen Zahlen sichtbar wird.

6. Warum sich dieser Mythos trotzdem hält

Der Mythos der „Männergrippe“ entsteht nicht aus der Häufigkeit bestimmter Beobachtungen, sondern aus dem Zusammenspiel von Erwartungen, öffentlichen Erzählungen und der daraus geprägten Wahrnehmung.

Erwartungen
Mit Männlichkeit wird traditionell Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen verbunden. Entsprechende Vorstellungen sind kulturell tief verankert und zeigen sich in Redewendungen wie „Sei ein Mann und stell dich nicht so an“. Diese Erwartungshaltung ist über lange Zeiträume gewachsen und wird im Alltag vielfach bestätigt: Männer melden sich auch heute trotz stärkerer Krankheitssymptome seltener krank und äußern im Krankheitsfall im Durchschnitt weniger Beschwerden. Diese Zusammenhänge werden in den vorherigen Abschnitten anhand von Untersuchungen belegt.

Öffentliche Erzählungen
Der Begriff „Männergrippe“ hat sich hingegen vergleichsweise spät etabliert. Er verbreitete sich in der modernen Öffentlichkeit über Medien, Werbung und populäre Darstellungen, meist in bewusst überzeichneter Form. Dadurch entstand ein Meinungstrend, der von den traditionellen Alltagserwartungen zu unterscheiden ist. Die Erzählung liefert eine einfache, leicht anschlussfähige Deutung für einzelne Eindrücke.

Wahrnehmung
Im Alltag wirken Erwartungen und öffentliche Erzählungen zusammen und prägen die Wahrnehmung. Krankheitssymptome fallen bei Männern stärker auf, weil sie den verbreiteten Erwartungen an Funktionieren und Belastbarkeit widersprechen. Schon vergleichsweise geringe Symptome bleiben dadurch stärker im Gedächtnis. Der Begriff „Männergrippe“ verstärkt diesen Effekt zusätzlich, indem er die Aufmerksamkeit gezielt auf solche Situationen lenkt.

An dieser Stelle scheint sich ein Widerspruch zu ergeben: Wenn viele Menschen an die „Männergrippe“ glauben, müsste krankheitsbedingtes Verhalten von Männern eigentlich erwartbar sein und dürfte nicht mehr besonders auffallen. Tatsächlich ist das nicht der Fall.

Der Grund liegt darin, dass zwei Ebenen gleichzeitig wirksam sind, die oft unbewusst miteinander vermischt werden:

Erzähl-Ebene (sprachlich):
Meinungstrend „Männergrippe“ – Männer gelten als wehleidig, wenn sie krank sind.
→ Witze, Memes, Schlagworte, Alltagsreden, Stammtischwissen.

Erwartungs-Ebene (praktisch, unbewusst):
Traditionelles Bewusstsein – Männer sollen funktionieren, Beschwerden ignorieren und leistungsfähig bleiben.

Die öffentliche Erzählung ersetzt die Alltagserwartung nicht. Sie wirkt nicht im Voraus, sondern im Nachhinein. Zeigt ein Mann Krankheitssymptome, wird zunächst ein Erwartungsbruch wahrgenommen („Er funktioniert gerade nicht“). Erst anschließend greift der Begriff „Männergrippe“ als Deutungsschablone, mit der das Auffällige erklärt wird.

Der Begriff wirkt damit als nachträgliches Etikett, das einzelne Beobachtungen bündelt, leichter erinnerbar macht und im Rückblick typischer erscheinen lässt, als sie tatsächlich sind. Durch die wiederholte Verwendung stabilisiert sich ein sich selbst bestätigender Kreislauf: Wahrnehmung wird selektiv gelenkt, Einzelfälle bleiben haften, und der Mythos scheint sich immer wieder zu bestätigen – obwohl sich an der tatsächlichen Häufigkeit oder Intensität von Krankheit nichts geändert hat.

7. Fazit

Die sogenannte „Männergrippe“ ist kein medizinisches Phänomen, sondern das Ergebnis einer selektiven Wahrnehmung, die durch gesellschaftliche Erwartungen und populäre Erzählungen verstärkt wird.

Weder Krankheitsverläufe noch Krankschreibungszahlen stützen die Vorstellung, Männer seien bei Erkältungen grundsätzlich wehleidiger als Frauen.

Der Mythos sagt weniger über biologische Realität aus als über die Art, wie Menschen Wahrnehmungen gewichten, erinnern und zu vermeintlichen Wahrheiten verdichten.

Beispiel: Erkältungssymptome und subjektive Erfahrung

Hinweis vorab: Der folgende Dialog basiert auf einem tatsächlich geführten Gespräch. Der Inhalt ist unverändert wiedergegeben, lediglich die Namen der beteiligten Personen wurden geändert.

Sabine: Du glaubst gar nicht, wie wehleidig mein Mann ist, wenn er erkältet ist.

Beate: Wirklich? Was macht er denn?

Sabine: Ach, das ist immer ganz schlimm.

Beate: Jammert er denn ständig herum?

Sabine: Nein, jammern tut er eigentlich gar nicht.

Beate: Will er dann dauernd bemuttert werden? Tee ans Bett, Aufmerksamkeit, Sonderbehandlung?

Sabine: Nein, das auch nicht.

Beate: Zieht er sich komplett zurück und bleibt tagelang im Bett?

Sabine: Nein, kein bisschen. Er geht sogar ganz normal arbeiten.

Beate: Was genau macht ihn dann so wehleidig?

Sabine: Er zieht ständig die Nase hoch.

Beate: … Das ist alles?

Dieser kurze Austausch macht deutlich, wie schnell aus einer einzelnen, als störend empfundenen Verhaltensweise eine weitreichende Charaktereinschätzung entstehen kann. Genau hier setzt das folgende Beispiel an.

Sabine ist Mitte vierzig, berufstätig, familiär eingebunden und gesundheitlich weitgehend unauffällig. In ihrem Alltag erlebt sie über viele Jahre hinweg Erkältungen und grippale Infekte – bei sich selbst, bei Freundinnen, Kolleginnen und bei Männern aus ihrem Umfeld.

Solche Erkrankungen verlaufen meist unspektakulär. Müdigkeit, Kopf- oder Gliederschmerzen, Schnupfen oder Halsschmerzen sind häufig, schwere Verläufe selten. Die große Mehrheit bewältigt den Alltag mit kleineren Einschränkungen. Dennoch bilden sich mit der Zeit Eindrücke – und Meinungen.

Sabine ist überzeugt:
Männer stellen sich bei Erkältungen deutlich wehleidiger an als Frauen.

Diese Überzeugung erscheint ihr plausibel. Sie passt zu einer Vorstellung, die ihr aus Medien, Alltagsgesprächen und Popkultur vertraut ist: Männer seien empfindlicher, weniger belastbar und würden Krankheitssymptome stärker dramatisieren. Der Begriff „Männergrippe“ ist geläufig und wird meist humorvoll verwendet. Diese Sichtweise entspricht zwar nicht der traditionellen Geschlechterzuschreibung, wurde aber in den letzten Jahren zunehmend gesellschaftlich verbreitet und normalisiert.

Der Gedanke gefällt ihr. Er fügt sich gut in ein gesellschaftlich positiv besetztes, gewünschtes Selbstbild: Frauen gelten darin als belastbar, pragmatisch und weniger klagebereit. Die Einordnung wirkt stimmig und bestätigt zugleich ein attraktives Rollenbild.

In ihrem Alltag erlebt Sabine sowohl Männer als auch Frauen, die bei Erkältungen Symptome äußern, sich zurückziehen oder Schonung einfordern. Objektiv betrachtet unterscheiden sich Erkältungsverläufe nicht eindeutig nach Geschlecht, und ausgeprägte Beschwerden bleiben insgesamt die Ausnahme.

Dennoch prägt diese Verteilung ihre Wahrnehmung kaum. Ihr Fokus richtet sich vor allem auf Männer, die ihre Beschwerden deutlich äußern oder thematisieren. Genau diese Situationen bleiben besonders haften. Der Grund dafür liegt nicht in einem bewussten Vorsatz, sondern in einem grundlegenden Wahrnehmungsmechanismus: Menschen nehmen Informationen stärker wahr und erinnern sie besser, wenn sie bereits bestehende Überzeugungen bestätigen – eben weil Menschen Bestätigung suchen und für diese besonders empfänglich sind. In der Psychologie ist dieser Effekt als Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) bekannt.

Nicht nur die betroffenen Männer fallen ihr dadurch stärker auf – auch die Beschwerdeäußerungen selbst wirken intensiver. Aufmerksamkeit verstärkt Wahrnehmung, und stark wahrgenommene Eindrücke werden nachhaltiger im Gedächtnis gespeichert.

Mit der Zeit entsteht so das Gefühl, eine klare eigene Erfahrung gemacht zu haben. Sabine ist überzeugt, dieses Muster immer wieder beobachtet zu haben. Aus ihrer Sicht handelt es sich nicht um eine Meinung, sondern um persönliche Erfahrung.

Diese subjektive Erfahrung verfestigt sich weiter durch einen in der Psychologie gut beschriebenen Effekt: den Beharrungsfehler (Belief Perseverance). Einmal gebildete Überzeugungen werden bevorzugt bestätigt, während widersprechende Beobachtungen als untypisch oder wenig relevant eingeordnet werden. Neue Eindrücke werden nicht neutral bewertet, sondern im Licht der bestehenden Sichtweise interpretiert.

In der Konsequenz sagt Sabine:

„Ich habe das schon so oft erlebt. Männer machen bei Erkältungen einfach mehr Theater.“

Jedes Mal, wenn Sabine diese Einschätzung gedanklich aufruft oder ausspricht, verfestigt sich ihre Überzeugung – und lenkt ihre Aufmerksamkeit künftig noch stärker auf genau solche Situationen.

Erst wenn Krankheitsverläufe systematisch erfasst, Symptome objektiv verglichen und biologische sowie immunologische Unterschiede berücksichtigt werden, zeigt sich, wie trügerisch solche Alltagsurteile sein können.

Das Beispiel verdeutlicht, wie leicht subjektive Wahrnehmung zur scheinbaren Erfahrung wird – nicht weil Menschen unehrlich sind, sondern weil Aufmerksamkeit, Erwartung und Erinnerung keine neutralen Messinstrumente sind.

Das hier beschriebene Muster steht exemplarisch für die Art und Weise, wie Alltagsannahmen unsere Wahrnehmung in unterschiedlichen Themenbereichen, die in diesem Kapitel behandelt werden, prägen können.

Quellen und weiterführende Literatur

Studien zur Symptomwahrnehmung und zum Mythos „Männergrippe“

Mythos Männergrippe – Frauen beklagen bei gleich starken Symptomen eine höhere Symptomlast

Pressebericht zur Studie (Yahoo Style Deutschland)

Pressebericht zur Studie (GEO – Männergrippe als Mythos)

Männer werden oft schwerer krank, schonen sich aber bei Erkrankung weniger als Frauen / Spektrum.de (teilweise zugangsbeschränkt)

Krankschreibungen und Fehlwahrnehmung

FAZ – KKH-Auswertung: Mehr Frauen als Männer wegen Erkältungen krankgeschrieben (Winter 2015/2016) (teilweise zugangsbeschränkt)

Pressebericht zur KKH-Datenauswertung: Deutlich mehr Frauen als Männer wegen Erkältungen krankgeschrieben (59.338 vs. 36.044)

DAK-Gesundheitsreport 2016 – Krankmeldungen wegen kranker Kinder: 27 % Frauen vs. 17,5 % Männer (Differenz 9,3 %)

Biologische Grundlagen: Immunsystem und Autoimmunität

Nature 2024: Testosteron schwächt bestimmte Abwehrreaktionen – Männer sind bei Infekten im Mittel häufiger schwerer betroffen

PNAS: Testosteron hängt mit schwächerer Immunantwort zusammen – Biologie statt „Männerschnupfen“-Klischee

Autoimmunkrankheiten: Rund 80 % der Betroffenen sind Frauen – epidemiologische Befunde

Autoimmunerkrankungen: Wenn das Immunsystem den eigenen Körper angreift (MSD Manuals)


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