Mythos Männergrippe

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Quellenhinweis
Dieser Beitrag basiert auf wissenschaftlichen Studien, Übersichtsarbeiten und weiteren Fachquellen. Die vollständige Quellenliste befindet sich am Ende des Kapitels.

Kernaussagen dieses Kapitels

  • Der Begriff „Männergrippe“ oder auch „Männerschnupfen“ ist kein medizinischer Begriff, sondern ein Schlagwort, das einen populären Meinungstrend beschreibt.

  • Männer erkranken bei einigen Infektionskrankheiten im Durchschnitt schwerer oder haben längere Verläufe als Frauen.

  • Bei vergleichbaren Krankheitssymptomen zeigen Studien, dass Frauen Beschwerden oft intensiver wahrnehmen und auch stärker berichten. Das hängt unter anderem mit Unterschieden in Schmerzverarbeitung und Bewertung körperlicher Signale zusammen.

  • Frauen lassen sich häufiger wegen Erkältungskrankheiten krankschreiben als Männer – entgegen der verbreiteten Wahrnehmung. Das trifft auch zu, wenn man das sogenannte "kindkrank" herausrechnet.

  • Der Mythos der „wehleidigen Männer“ wird wesentlich durch selektive Wahrnehmung und gesellschaftliche Stereotype geprägt – also durch verbreitete Meinungstrends – und nicht durch belastbare Unterschiede in der tatsächlichen Häufigkeit oder Intensität von Krankheitsäußerungen.

Männergrippe – warum ein populärer Mythos die Wahrnehmung verzerrt

1. Was mit „Männergrippe“ gemeint ist

Mit dem Begriff „Männergrippe“ oder „Männerschnupfen“ wird die Vorstellung verbunden, Männer würden sich bereits bei leichten Erkältungssymptomen übermäßig anstellen, während Frauen selbst bei schweren Beschwerden tapfer und funktionstüchtig blieben.

Diese Vorstellung ist weit verbreitet, medial präsent und wird häufig humoristisch aufgegriffen. Medizinisch definiert ist sie jedoch nicht – sie beschreibt keine Krankheit, sondern eine Zuschreibung.

„Letzten Endes bleibt Männergrippe vor allem eins: ein Klischee, das auf überholten Geschlechterrollen basiert. Medizinisch gesehen leiden jede Patientin und jeder Patient anders, alle sollten individuell behandelt werden. Klischees machen das nicht leichter.“
Zitat aus: GEO Wissen – Neue Studie entlarvt Männergrippe als Mythos (Januar 2023)
2. Biologische Unterschiede im Immunsystem

Zwischen Männern und Frauen bestehen gut belegte Unterschiede in der Funktionsweise des Immunsystems.

Das männliche Immunsystem reagiert bei viralen Infektionen im Durchschnitt weniger stark entzündlich, unter anderem durch den Einfluss von Testosteron. Das weibliche Hormon Östrogen hingegen fördert eine schnellere und stärkere Immunantwort.

Diese Unterschiede haben zwei Seiten:

  • Frauen sind bei vielen Infektionen besser geschützt, entwickeln aber deutlich häufiger Autoimmunerkrankungen, bei denen sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet - rund 80 % der Betroffenen sind Frauen.

  • Männer erkranken bei Infektionen häufiger schwerer, entwickeln öfter Komplikationen und haben eine höhere Sterblichkeit bei Erkrankungen wie Influenza.

Diese Unterschiede stellen keinen Fehler dar, sondern spiegeln unterschiedliche biologische Anpassungen wider.

3. Verhalten bei gleicher Symptomstärke

Zum Klischee der „Männergrippe“ gehört die Behauptung, Männer würden ihre Beschwerden im Vergleich zu Frauen übertreiben oder stärker darstellen. Untersuchungen, die die subjektiv berichtete Symptomstärke von Männern und Frauen vergleichen, sind deshalb für diese Frage besonders interessant.

Untersuchungen zeigen: Frauen klagen bei gleicher objektiver Erkrankung häufig über stärker empfundene Beschwerden und schildern diese Beschwerden ausführlicher. Dabei lassen sich keine konsistenten Unterschiede in der objektiv messbaren Krankheitsschwere feststellen.

Eine Studie von Riedl et al. aus dem Jahr 2022 untersuchte Männer und Frauen mit akuter Rhinosinusitis. Dabei wurde die Symptomschwere auf zwei verschiedene Arten erfasst: Einerseits bewerteten Ärzte die Beschwerden anhand des Major Symptom Score (MSS), andererseits schätzten die Erkrankten ihre Beschwerden selbst mithilfe des Sino-Nasal Outcome Test (SNOT-22) ein.

Zu Beginn der Untersuchung unterschied sich die ärztlich bewertete Symptomschwere zwischen Männern und Frauen nicht signifikant. Bei der Selbsteinschätzung zeigte sich dagegen ein signifikanter Unterschied – allerdings entgegen dem Klischee der „Männergrippe“: Frauen berichteten eine höhere subjektive Symptomlast als Männer. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass ihre Ergebnisse die Hypothese einer besonderen männlichen Überempfindlichkeit bei solchen Erkrankungen nicht stützen.

Eine weitere Untersuchung von Deiss et al. aus dem Jahr 2016 untersuchte 897 ansonsten gesunde junge Erwachsene mit akuten Atemwegsinfektionen – also Erkrankungen mit typischen Erkältungs- bzw. grippeähnlichen Beschwerden, davon 492 Männer und 405 Frauen. Die Teilnehmer kamen mit influenzaähnlichen Beschwerden in fünf US-Militärkrankenhäuser. Die Erreger wurden mittels PCR untersucht; die Erkrankten bewerteten einzelne Symptome selbst als nicht vorhanden, leicht, mittel oder schwer. Daraus wurden außerdem zusammengefasste Symptomschwere-Scores über sieben Krankheitstage gebildet.

Das Ergebnis: Nach Ausschluss der Influenza-Fälle gaben Frauen bei mehreren einzelnen Symptomen signifikant häufiger schwere Beschwerden an. Das galt beispielsweise für Müdigkeit (40,1 % gegenüber 30,4 %), Muskelschmerzen (27,1 % gegenüber 15,7 %), Halsschmerzen (36,3 % gegenüber 27,9 %) und Ohrenschmerzen (14,9 % gegenüber 7,1 %). Die Analysen wurden unter anderem für Alter, Militärstatus und eine kürzlich vorausgegangene Atemwegsinfektion adjustiert.

Auch bei der zusammengefassten Symptomschwere zeigte sich kein Hinweis auf eine besondere männliche Beschwerdelast: An den ersten beiden Krankheitstagen bestand kein signifikanter Geschlechtsunterschied; von Tag 3 bis Tag 7 berichteten Frauen höhere Symptomwerte.

Beide Untersuchungen liefern damit keinen Hinweis auf das für die „Männergrippe“ behauptete Muster, wonach Männer bei Erkältungskrankheiten grundsätzlich stärkere Beschwerden angeben als Frauen. Die Ergebnisse der Untersuchungen weisen vielmehr in die entgegengesetzte Richtung.

Dieses Muster zeigt sich auch in der Schmerzforschung: Bei identischen Reizen geben Frauen im Durchschnitt schneller, intensiver und länger Beschwerden an.

Frauen geben bei vergleichbaren Erkältungskrankheiten im Durchschnitt häufiger stärkere Beschwerden an, obwohl sich objektiv keine Unterschiede in der Schwere der Erkrankung nachweisen lassen.
Riedl et al. (2022), Medizinische Universität Innsbruck (Österreich)
4. Krankschreibungen und die Diskrepanz zur Wahrnehmung

Zum Mythos der „Männergrippe“ gehört häufig auch die Behauptung, Männer würden sich bei Erkältungen besonders schnell krankmelden und seien deshalb am Arbeitsplatz häufiger abwesend.

Ein Blick in Krankenkassendaten widerspricht diesem Eindruck. Die KKH hat für den Winter 2015/2016 ausgewertet, wie viele Beschäftigte wegen Erkältungen krankgeschrieben waren. Hintergrund der Auswertung war die Frage, ob die häufig zitierte „Männergrippe“ tatsächlich existiert oder eher ein populärer Mythos ist. In diesem Zeitraum blieben 59.338 Frauen, aber nur 36.004 Männer wegen Erkältungen dem Arbeitsplatz fern. 

Ein naheliegender Einwand lautet, dass Frauen sich häufiger krankmelden, weil sie sich um kranke Kinder kümmern („kindkrank“). Auch dazu gibt es Daten: Im Gesundheitsreport 2016 der DAK gaben 26,8 % der Frauen und 17,5 % der Männer an, sich wegen einer Erkrankung des Kindes krankgemeldet zu haben. Der Unterschied beträgt 9,3 Prozentpunkte und erklärt den grundsätzlichen Befund nicht.

Männer leben im Schnitt riskanter und sterben früher – schätzen ihre Gesundheit aber oft besser ein als Frauen.
Gesundheitsberichte des Robert Koch-Instituts
Zwei Schlussfolgerungen drängen sich damit auf: 

Erstens: Wenn Frauen sich häufiger wegen Erkältungen krankschreiben lassen, passt das nicht zur verbreiteten Vorstellung, Männer würden bei Erkältungen grundsätzlich „übertreiben“. 

Zweitens: Wenn Frauen häufiger wegen Erkältungen am Arbeitsplatz fehlen, ist der verbreitete Eindruck, es seien vor allem Männer, die „ständig wegen Schnupfen ausfallen“, ein Beispiel für eine deutliche Fehlwahrnehmung.

Entscheidend ist dabei nicht, warum sich jemand krankmeldet, sondern dass hier eine klare Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und realen Zahlen sichtbar wird.

Krankmeldungen wegen Erkältungskrankheiten
59.338 Frauen
36.004 Männer
Bei ausgewerteten Erkältungserkrankungen meldeten sich deutlich mehr Frauen als Männer krank. Unterschiede durch die Betreuung kranker Kinder sind zu gering, um diesen Befund zu erklären.
5. Warum sich dieser Mythos trotzdem hält

Der Mythos der „Männergrippe“ entsteht nicht aus der Häufigkeit bestimmter Beobachtungen, sondern aus dem Zusammenspiel von Erwartungen, öffentlichen Erzählungen und der daraus geprägten Wahrnehmung.

Erwartungen
Mit Männlichkeit wird traditionell Leistungsfähigkeit, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen verbunden. Entsprechende Vorstellungen sind kulturell tief verankert und zeigen sich in Redewendungen wie „Sei ein Mann und stell dich nicht so an“. Diese Erwartungshaltung ist über lange Zeiträume gewachsen und wird im Alltag vielfach bestätigt: Männer melden sich auch heute trotz bestehender Krankheitssymptome seltener krank und äußern im Krankheitsfall im Durchschnitt weniger Beschwerden. Diese Zusammenhänge werden in den vorherigen Abschnitten anhand von Untersuchungen belegt.

Öffentliche Erzählungen
Der Begriff „Männergrippe“ hat sich hingegen vergleichsweise spät etabliert. Er verbreitete sich in der modernen Öffentlichkeit über Medien, Werbung und populäre Darstellungen, meist in bewusst überzeichneter Form. Dadurch entstand ein Meinungstrend, der von den traditionellen Alltagserwartungen zu unterscheiden ist. Die Erzählung liefert lediglich eine einfache, leicht anschlussfähige Deutung für einzelne Eindrücke.

Wahrnehmung
Im Alltag wirken Erwartungen und öffentliche Erzählungen zusammen und prägen die Wahrnehmung. Krankheitssymptome fallen bei Männern stärker auf, weil sie den verbreiteten Erwartungen an Funktionieren und Belastbarkeit widersprechen. Schon vergleichsweise geringe Symptome bleiben dadurch stärker im Gedächtnis. Der Begriff „Männergrippe“ verstärkt diesen Effekt zusätzlich, indem er die Aufmerksamkeit gezielt auf solche Situationen lenkt.

Hypochondrie: Etwa 60 % der Betroffenen sind Frauen.
Das Bild des „hypochondrischen Mannes“ wird von der Forschung nicht bestätigt.
Karolinska Institut, Cleveland Clinic
6. Fazit

Die sogenannte „Männergrippe“ ist kein medizinisches Phänomen, sondern das Ergebnis einer selektiven Wahrnehmung, die durch gesellschaftliche Erwartungen und populäre Erzählungen verstärkt wird.

Weder Krankheitsverläufe noch Krankschreibungszahlen stützen die Vorstellung, Männer seien bei Erkältungen grundsätzlich wehleidiger als Frauen - eher das Gegenteil ist der Fall.

Der Mythos sagt weniger über biologische Realität aus als über die Art, wie Menschen Wahrnehmungen gewichten, erinnern und zu vermeintlichen Wahrheiten verdichten.

Beispiel: Wie subjektive Wahrnehmung unsere Bewertung beeinflusst

Hinweis vorab: Der folgende Dialog basiert auf einem tatsächlich geführten Gespräch. Der Inhalt ist unverändert wiedergegeben, lediglich die Namen der beteiligten Personen wurden geändert.

Sabine: Du glaubst gar nicht, wie wehleidig mein Mann ist, wenn er erkältet ist.

Beate: Wirklich? Was macht er denn?

Sabine: Ach, das ist immer ganz schlimm.

Beate: Jammert er denn ständig herum?

Sabine: Nein, jammern tut er eigentlich gar nicht.

Beate: Will er dann dauernd bemuttert werden? Tee ans Bett, Aufmerksamkeit, Sonderbehandlung?

Sabine: Nein, das auch nicht.

Beate: Zieht er sich komplett zurück und bleibt tagelang im Bett?

Sabine: Nein, kein bisschen. Er geht sogar ganz normal arbeiten.

Beate: Was genau macht ihn dann so wehleidig?

Sabine: Er zieht ständig die Nase hoch.

Beate: … Das ist alles?

Dieser kurze Austausch verdeutlicht, wie selektiv unsere Wahrnehmung funktionieren kann. Hat sich einmal eine Vorstellung wie „Männergrippe“ oder „Männerschnupfen“ im Kopf festgesetzt, richtet sich die Aufmerksamkeit oft auf Verhaltensweisen, die dieses Bild scheinbar bestätigen. Das Gehirn neigt dazu, nach Bestätigung bereits entstandener Überzeugungen zu suchen. Andere Beobachtungen, die nicht zu dieser Überzeugung passen, geraten dagegen leicht in den Hintergrund.

Objektiv betrachtet müsste Sabine ihren Mann eher als belastbar beschreiben: Er jammert nicht, verlangt keine Sonderbehandlung und geht trotz Erkältung arbeiten. Stattdessen bewertet sie das häufige Hochziehen der Nase als Beleg für besondere Wehleidigkeit – obwohl dieses Verhalten dafür keinen objektiven Nachweis liefert. So wird aus einer einzelnen Beobachtung eine Charaktereigenschaft abgeleitet, die durch die übrigen Informationen des Gesprächs eigentlich nicht gestützt wird.

Genau hier setzt das folgende Beispiel an.

Sabine ist erkältet.

Der Kopf dröhnt, die Nase ist dicht und am Nachmittag legt sie sich mit einer Decke aufs Sofa. Beim Abendessen sagt sie, dass sie sich ziemlich elend fühlt. Am nächsten Morgen geht es ihr nicht besser und sie bleibt zu Hause.

Niemand findet daran etwas bemerkenswert.

Sie ist krank.

Einige Wochen später erwischt es ihren Mann Thomas. Er geht morgens trotzdem zur Arbeit. Abends kommt er verschnupft nach Hause, lässt sich aufs Sofa fallen und sagt irgendwann:

„Mir brummt vielleicht der Schädel.“

Später holt er sich ein Nasenspray und beklagt sich noch einmal darüber, dass er kaum Luft bekommt.

Sabine grinst.

„Männergrippe.“

Beide müssen lachen.

Am nächsten Tag erzählt sie einer Kollegin davon: „Thomas hat Männergrippe. Du müsstest den mal hören.“

Die Kollegin kennt das natürlich auch.

„Meiner ist genauso. Wenn der Schnupfen hat, könnte man meinen, er liegt im Sterben.“

Zwei Geschichten passen zusammen. Und plötzlich fühlt sich eine bekannte Vorstellung wieder ein kleines bisschen wahrer an.

Dabei hat niemand verglichen, wie stark Sabines und Thomas' Infekte tatsächlich waren. Niemand hat Beschwerden gezählt. Niemand hat erfasst, wie häufig beide darüber gesprochen haben. Und dass Sabine einige Wochen zuvor selbst auf dem Sofa lag und sagte, wie elend sie sich fühle, spielt in der kleinen Geschichte über die Männergrippe keine Rolle.

Der entscheidende Unterschied liegt möglicherweise weniger im beobachteten Verhalten als in dessen Deutung.

Bei Sabine bedeutete das Liegen auf dem Sofa: Sie ist krank.

Bei Thomas kann dasselbe Verhalten unter einem bereits vorhandenen Etikett betrachtet werden: Typisch Mann.

Hier kann der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias) eine Rolle spielen. Besteht eine Erwartung bereits, fallen Beobachtungen, die dazu passen, leichter auf und werden eher als Bestätigung interpretiert. Ein klagender Mann ist dann nicht einfach ein klagender Mensch mit einem Infekt – er kann zum weiteren Beleg für die „Männergrippe“ werden.

Hinzu kommt etwas Zweites: Solche Beobachtungen werden weitererzählt.

Sabine erzählt von Thomas. Ihre Kollegin erzählt von ihrem Mann. Beim nächsten Gespräch kommt vielleicht eine dritte Geschichte hinzu. Niemand führt Buch über sämtliche Erkältungen sämtlicher Partner. Trotzdem entsteht durch die Sammlung passender Anekdoten der Eindruck einer großen Menge übereinstimmender Alltagserfahrung.

Nun zeigt jemand Sabine Untersuchungen, nach denen Frauen bei vergleichbaren Atemwegsinfekten keineswegs grundsätzlich weniger Beschwerden angeben und sich auch nicht seltener wegen solcher Erkrankungen krankschreiben lassen – ganz im Gegenteil.

Sabine liest es und sagt:

„Mag ja sein, dass das in irgendwelchen Studien so ist. Ich weiß jedenfalls, wie es bei uns zu Hause läuft.“

Damit kommt ein zweiter psychologischer Mechanismus ins Spiel: Beharrungsfehler (Belief Perseverance). Einmal gefestigte Überzeugungen können erstaunlich widerstandsfähig gegenüber Informationen sein, die ihnen widersprechen. Die Gegenbeispiele werden dann zur Ausnahme erklärt, die Untersuchung passt angeblich nicht zum eigenen Umfeld – und die ursprüngliche Überzeugung bleibt bestehen.

Das heißt nicht, dass Sabines Beobachtungen falsch sein müssen. Vielleicht beklagt Thomas sich tatsächlich häufiger als sie.

Aber daraus folgt nicht, dass Männer das generell tun.

Aus „Thomas macht das“ wurde zunächst „Mein Mann macht das“, dann im Gespräch „Unsere Männer machen das“ – und irgendwann erscheint daraus ganz selbstverständlich „Männer machen das“.

Genau an dieser Stelle endet die Reichweite der Anekdote und beginnt die Aufgabe systematischer Forschung.

Quellen und weiterführende Literatur

Studien zur Symptomwahrnehmung und zum Mythos „Männergrippe“

Mythos Männergrippe – Frauen beklagen bei gleich starken Symptomen eine höhere Symptomlast

Pressebericht zur Studie (Yahoo Style Deutschland)

Pressebericht zur Studie (GEO – Männergrippe als Mythos)

Deiss et al. (2016) – Geschlechtsunterschiede bei selbstberichteten Symptomen akuter Erkältungskrankheiten: Frauen berichteten häufiger schwere Beschwerden als Männer

Männer werden oft schwerer krank, schonen sich aber bei Erkrankung weniger als Frauen / Spektrum.de (teilweise zugangsbeschränkt)

Krankschreibungen und Fehlwahrnehmung

FAZ – KKH-Auswertung: Mehr Frauen als Männer wegen Erkältungen krankgeschrieben (Winter 2015/2016) (teilweise zugangsbeschränkt)

Pressebericht zur KKH-Datenauswertung: Deutlich mehr Frauen als Männer wegen Erkältungen krankgeschrieben (59.338 vs. 36.044)

DAK-Gesundheitsreport 2016 – Krankmeldungen wegen kranker Kinder: 27 % Frauen vs. 17,5 % Männer (Differenz 9,3 %)

Biologische Grundlagen: Immunsystem und Autoimmunität

Nature 2024: Testosteron schwächt bestimmte Abwehrreaktionen – Männer sind bei Infekten im Mittel häufiger schwerer betroffen

PNAS: Testosteron hängt mit schwächerer Immunantwort zusammen – Biologie statt „Männerschnupfen“-Klischee

Autoimmunkrankheiten: Rund 80 % der Betroffenen sind Frauen – epidemiologische Befunde

Autoimmunerkrankungen: Wenn das Immunsystem den eigenen Körper angreift (MSD Manuals)


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