Stress und Geschlecht
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Kernaussagen des Kapitels
„Stressbelastbarkeit“ ist keine einzelne wissenschaftlich messbare Eigenschaft. Eine Stressreaktion besteht aus mehreren körperlichen und psychischen Komponenten, deren Reaktionen unterschiedlich stark und teilweise sogar gegenläufig ausfallen können.
Bei standardisierten psychosozialen Labortests zeigen Männer im Durchschnitt eine stärkere Cortisolreaktion als Frauen. Ein akuter Cortisolanstieg ist zunächst Teil einer normalen Anpassungsreaktion: Der Körper mobilisiert Energie und passt zahlreiche Funktionen an die aktuelle Herausforderung an.
Frauen berichten in manchen Untersuchungen stärkere subjektive emotionale Reaktionen auf Stress – beispielsweise mehr Angst, Reizbarkeit und Verwirrung sowie weniger positive Stimmung. Eine erhöhte Cortisolausschüttung und das subjektive Stressempfinden müssen daher nicht gleich stark ausgeprägt sein.
Wie misst man eigentlich, welcher Mensch Stress besser verträgt?
Man kann untersuchen, wie stark Cortisol, Herzfrequenz oder Blutdruck reagieren. Man kann ermitteln, wie gestresst sich Menschen fühlen, ihre Leistungsfähigkeit unter Belastung messen oder beobachten, wie schnell sie sich anschließend wieder erholen.
Diese verschiedenen Messgrößen müssen keineswegs dasselbe Ergebnis liefern. Genau darin liegt ein grundlegendes Problem der pauschalen Frage, welches Geschlecht „stressbelastbarer“ sei.
Stress im Labor
Eine der bekanntesten Methoden zur Untersuchung akuten psychosozialen Stresses ist der Trier Social Stress Test (TSST).
Dabei werden Versuchspersonen gezielt einer Situation ausgesetzt, die sozialen Bewertungsdruck erzeugt. Typischerweise müssen sie nach einer kurzen Vorbereitungszeit vor anderen Personen frei sprechen und anschließend schwierige Kopfrechenaufgaben lösen. Die anwesenden Personen reagieren dabei bewusst neutral und wenig unterstützend.
Das Verfahren hat einen entscheidenden Vorteil: Männer und Frauen können unter weitgehend standardisierten Bedingungen demselben Stressor ausgesetzt werden. Anschließend lassen sich verschiedene Reaktionen messen – beispielsweise Cortisol, Herzfrequenz, Blutdruck oder das subjektive Stresserleben.
Das ist für Geschlechtervergleiche wichtig. Würde man beispielsweise einfach untersuchen, wer im Laufe seines Lebens häufiger Erkrankungen entwickelt, die häufig mit Stress in Verbindung gebracht werden, oder früher stirbt, würden zahlreiche andere Unterschiede zwischen Männern und Frauen in das Ergebnis einfließen. Dazu gehören unter anderem Rauchen, Alkoholkonsum, Ernährung, körperliche Aktivität, Arbeitsbedingungen, Gesundheitsverhalten und Risikoverhalten.
Wie bedeutsam solche Einflüsse sein können, zeigen Untersuchungen zur Lebenserwartung. In der Deutsch-Österreichischen Klosterstudie wurden die Lebensdaten von fast 12.000 Ordensfrauen und Ordensmännern untersucht. In Klöstern sind zahlreiche Unterschiede der Lebensweise zwischen Männern und Frauen geringer als in der Allgemeinbevölkerung. Entsprechend geringer fiel auch der Geschlechterunterschied in der Lebenserwartung aus.
Die Klosterstudie ist kein Experiment zur Stressbelastbarkeit. Sie veranschaulicht vielmehr ein methodisches Problem: Aus langfristigen Gesundheits- und Sterblichkeitsunterschieden lässt sich nicht ohne Weiteres ableiten, welches Geschlecht physiologisch „mehr Stress verträgt“.
Im Labor lässt sich eine engere Frage untersuchen: Was passiert, wenn gesunde Männer und Frauen möglichst vergleichbaren akuten psychosozialen Stress erleben? Was passiert beispielsweise mit dem Cortisol?
Was passiert mit dem Cortisol?
Eine große Metaanalyse aus dem Jahr 2022 wertete 65 wissenschaftliche Artikel mit insgesamt 76 Teilstudien zum Trier Social Stress Test aus. Insgesamt gingen Daten von 5.171 Personen ein – 2.040 Frauen und 3.131 Männer.
Männer zeigten im Durchschnitt eine stärkere Cortisolreaktion auf den psychosozialen Stressor als Frauen. Man könnte daraus vorschnell schließen: Männer reagieren stärker auf Stress und sind deshalb weniger stressbelastbar. Doch genau dieser Schluss wäre problematisch. Denn Cortisol ist nicht einfach ein Messstoff dafür, wie schlecht jemand mit Stress zurechtkommt.
Warum der Körper Cortisol ausschüttet
Cortisol wird häufig verkürzt als „Stresshormon“ bezeichnet. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, ein Anstieg sei grundsätzlich etwas Negatives. Tatsächlich gehört die Ausschüttung von Cortisol zu einem normalen Anpassungssystem des Körpers.
Wird eine Situation als Herausforderung oder Bedrohung bewertet, aktiviert der Organismus mehrere miteinander verbundene Stresssysteme. Eines davon ist die sogenannte Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, kurz HPA-Achse. Am Ende dieser Reaktionskette wird Cortisol freigesetzt.
Cortisol hilft dabei, den Organismus für die aktuelle Herausforderung umzurüsten. Unter anderem trägt es dazu bei, Energiereserven verfügbar zu machen und den Stoffwechsel so anzupassen, dass ausreichend Glukose zur Verfügung steht. Das ist sinnvoll, weil eine akute Herausforderung zusätzliche Energie erfordern kann.
Cortisol beeinflusst außerdem das Immunsystem und Entzündungsreaktionen. Entzündung ist grundsätzlich eine wichtige Abwehr- und Reparaturreaktion des Körpers. Sie muss jedoch reguliert und an die jeweilige Situation angepasst werden. Glucocorticoide wie Cortisol spielen bei dieser Regulation eine wichtige Rolle.
Auch das Gehirn wird von der akuten Stressreaktion beeinflusst. Dabei wäre die einfache Vorstellung „mehr Cortisol macht aufmerksamer und verbessert das Gedächtnis“ allerdings falsch. Akuter Stress verändert vielmehr, welche Informationen bevorzugt verarbeitet und gespeichert werden.
Informationen, die unmittelbar mit einer bedrohlichen oder bedeutsamen Situation zusammenhängen, können unter bestimmten Bedingungen besonders gut im Gedächtnis verankert werden. Das ist biologisch plausibel: In einer Gefahrensituation ist es sinnvoll, die Aufmerksamkeit auf das aktuell Bedeutsame zu richten. Wer eine gefährliche Situation überstanden hat, kann außerdem davon profitieren, sich später besonders gut an wichtige Hinweise auf diese Gefahr zu erinnern.
Gleichzeitig kann akuter Stress andere Gedächtnisprozesse beeinträchtigen, beispielsweise den Abruf bereits gespeicherter Informationen. Entscheidend ist dabei auch der Zeitpunkt des Stresses. Tritt die Stressreaktion während oder kurz nach dem Lernen auf, können emotional bedeutsame Informationen unter bestimmten Bedingungen besonders gut gespeichert werden. Tritt akuter Stress dagegen erst auf, wenn mit zeitlichem Abstand gespeicherte Informationen wieder abgerufen werden sollen, kann dieser Abruf erschwert werden. Derselbe Stress kann also unterschiedliche Auswirkungen haben – je nachdem, ob das Gehirn gerade neue Informationen aufnimmt und festigt oder bereits gespeicherte Informationen wieder hervorholen soll.
Die akute Stressreaktion ist also kein bloßer „Schadensmodus“. Sie ist zunächst ein Anpassungsprogramm, mit dem der Organismus Energie, Stoffwechsel, Kreislauf, Immunregulation und Gehirnfunktionen an eine besondere Situation anpasst.
Eine vorübergehend stärkere Cortisolreaktion ist deshalb weder eine Krankheit noch ein Beweis für geringe Belastbarkeit. Ein kräftiger Anstieg kann schlicht bedeuten, dass dieses physiologische Stresssystem deutlich auf die Herausforderung reagiert. Erst aus dem gesamten Verlauf – einschließlich der anschließenden Regulation – lässt sich mehr über die Funktionsweise des Systems erfahren.
Wann Stress problematisch wird
Akuter und chronischer Stress sollten deshalb nicht miteinander verwechselt werden. Bei einer zeitlich begrenzten Belastung wird das Stresssystem aktiviert und fährt anschließend normalerweise wieder herunter. Problematisch können dagegen lang anhaltende, häufig wiederkehrende oder schlecht regulierte Belastungen werden. Aber selbst die verbreitete Vorstellung „chronischer Stress = dauerhaft zu viel Cortisol“ ist zu einfach.
Die HPA-Achse ist ein Regulationssystem. Wird sie über längere Zeit immer wieder beansprucht, kann sich ihre Funktionsweise verändern. Bei manchen Formen chronischer Belastung können Cortisolwerte erhöht sein. Bei anderen verändert sich beispielsweise der normale Tagesrhythmus der Cortisolausschüttung. Und unter bestimmten Bedingungen kann die Cortisolantwort auf einen neuen akuten Stressor sogar schwächer ausfallen.
Normalerweise steigt die Cortisolausschüttung bei einer geeigneten akuten Herausforderung an und geht anschließend wieder zurück. Nach bestimmten länger anhaltenden Belastungen kann dieser Anstieg abgeschwächt sein. Eine solche abgeflachte Reaktion wurde beispielsweise bei verschiedenen stressbezogenen Zuständen beschrieben.
Das darf jedoch nicht so interpretiert werden, als habe sich der Organismus besonders erfolgreich an Stress gewöhnt. Ein niedriger Cortisolanstieg kann sowohl Ausdruck geringer Belastung als auch Ausdruck einer veränderten HPA-Regulation sein. Umgekehrt kann ein hoher Wert eine normale kräftige Reaktion auf eine akute Herausforderung darstellen.
Hinzu kommt der natürliche Tagesrhythmus: Cortisol ist normalerweise morgens relativ hoch und fällt im Tagesverlauf ab. Auch dieser Verlauf kann sich bei längerfristiger Belastung verändern.
Deshalb ist die Vorstellung einer einfachen Skala
wenig Cortisol = wenig Stress = gut
viel Cortisol = viel Stress = schlecht
physiologisch nicht haltbar.
Ein einzelner Cortisolwert sagt ohne Kenntnis des Zeitpunkts, des Ausgangswerts, des Belastungsverlaufs und weiterer Faktoren erstaunlich wenig darüber aus, wie „stressbelastbar“ ein Mensch ist.
Und wie fühlt sich Stress an?
Bis hierhin ging es vor allem darum, was im Körper geschieht. Aber Stress lässt sich nicht nur anhand körperlicher Reaktionen wie Cortisol oder Herzfrequenz untersuchen. Auch das subjektive Erleben der Versuchspersonen lässt sich systematisch erfassen – beispielsweise wie angespannt, ängstlich oder belastet sie sich während oder nach der Stresssituation fühlen.
Und genau hier wird es interessant.
Kelly und Kollegen untersuchten 32 Frauen und 30 Männer mit dem Trier Social Stress Test. Neben Cortisol und Herzfrequenz erfassten sie deshalb auch, wie sich die Versuchspersonen nach der Belastung fühlten.
Bei Cortisol und den untersuchten autonomen körperlichen Reaktionen fanden sie in dieser kleinen Studie keinen statistisch zuverlässigen Unterschied zwischen Männern und Frauen. Beim subjektiven Erleben zeigte sich dagegen ein anderes Bild: Frauen berichteten unmittelbar nach dem Stressversuch unter anderem mehr Angst, Reizbarkeit und Verwirrung sowie weniger positive Stimmung als Männer.
Auf den ersten Blick scheint das dem zuvor beschriebenen Cortisolbefund zu widersprechen. Dort hatten Männer schließlich im Durchschnitt stärker mit Cortisol reagiert.
Der entscheidende Unterschied liegt in der Größe der Untersuchungen.
Die Kelly-Studie bestand aus 62 Personen. Die große Metaanalyse von 2022 fasste dagegen 76 Teilstudien mit insgesamt 5.171 Personen zusammen. Ein durchschnittlicher Unterschied zwischen zwei Gruppen muss nicht in jeder einzelnen kleinen Untersuchung sichtbar werden. Je kleiner eine Studie ist, desto stärker können Zufallsschwankungen und Besonderheiten genau dieser untersuchten Gruppe ins Gewicht fallen.
Hinzu kommen Unterschiede im Versuchsaufbau. Cortisol steigt nach einer akuten Belastung nicht sofort auf einen festen Wert, sondern folgt einem zeitlichen Verlauf: Die Konzentration steigt an, erreicht einen Höhepunkt und fällt anschließend wieder ab. Eine Metaanalyse von 34 TSST-Studien mit insgesamt 1.350 Personen zeigte, dass sich Geschlechtsunterschiede je nachdem unterschiedlich deutlich zeigen können, zu welchem Zeitpunkt nach der Belastung die Cortisolwerte erfasst werden. Unterschiede zwischen einzelnen Studien können deshalb auch dadurch entstehen, welchen Abschnitt dieser Stressreaktion sie mit ihren Messungen erfassen.
Deshalb ist die Kelly-Studie kein Gegenbeweis zur größeren Gesamtevidenz. Für die durchschnittliche Cortisolreaktion ist die Zusammenfassung vieler Studien mit Tausenden Versuchspersonen wesentlich aussagekräftiger.
Interessant ist Kellys Untersuchung aus einem anderen Grund: Obwohl Frauen dort keine stärkere Cortisolreaktion zeigten, berichteten sie stärkere negative emotionale Reaktionen.
Körperliche Stressreaktion und empfundenes Stresserleben waren also nicht einfach dasselbe.
Der Körper sagt nicht immer dasselbe wie das Gefühl
Genau diese Frage wurde inzwischen über viele Untersuchungen hinweg betrachtet.
Eine Übersichtsarbeit und Metaanalyse von Man und Kollegen fasste 61 Studien mit dem Trier Social Stress Test zusammen. Dabei wurden nicht nur Cortisolwerte betrachtet, sondern verschiedene körperliche Reaktionen und Angaben der Versuchspersonen darüber, wie sie sich fühlten.
Cortisol reagierte in vielen Untersuchungen deutlich auf den Stressversuch. Auch die Stimmung der Versuchspersonen verschlechterte sich häufig. Doch die Stärke dieser beiden Veränderungen passte nicht zuverlässig zusammen.
Ein Mensch mit einem besonders starken Cortisolanstieg musste sich also nicht zwangsläufig besonders stark gestresst fühlen. Und jemand, der sich sehr angespannt, ängstlich oder schlecht fühlte, musste nicht gleichzeitig die stärkste körperliche Stressreaktion zeigen.
Eine noch größere Metaanalyse aus dem Jahr 2025 fasste 171 TSST-Studien mit insgesamt 8.452 gesunden Erwachsenen zusammen. Auch sie kam zu einem ähnlichen grundsätzlichen Ergebnis: Die verschiedenen Arten der Stressreaktion lassen sich nicht einfach wie verschiedene Anzeigen desselben Messgeräts behandeln.
Man kann sich das vereinfacht so vorstellen:
Cortisol beantwortet die Frage: Wie reagiert dieses hormonelle Stresssystem?
Herzfrequenz und andere Kreislaufwerte beantworten Fragen über andere körperliche Reaktionen.
Und die Versuchsperson beantwortet mit ihrer eigenen Einschätzung eine weitere Frage: Wie belastend fühlt sich die Situation für mich an?
Natürlich hängen diese Reaktionen miteinander zusammen. Aber sie sind nicht identisch. Ein höherer Wert auf einer dieser Ebenen bedeutet nicht automatisch einen entsprechend höheren Wert auf allen anderen Ebenen.
Genau deshalb kann ein Mensch körperlich deutlich auf einen Stressor reagieren, ohne ihn subjektiv als besonders schlimm zu erleben. Ein anderer kann sich stark belastet fühlen, obwohl beispielsweise seine Cortisolreaktion vergleichsweise gering ausfällt.
Wenn man wissen möchte, wie „gestresst“ jemand ist, muss man deshalb zuerst fragen, welchen Teil der Stressreaktion man eigentlich meint.
Sind Männer also körperlich gestresster und Frauen psychisch?
Auch diese Formulierung wäre zu einfach.
Einzelne Studien finden unterschiedliche Ergebnisse, und die Stressreaktion hängt von zahlreichen Faktoren ab. Dazu gehören unter anderem Alter, hormoneller Status, Art des Stressors, Zeitpunkt der Messung, vorherige Erfahrungen und individuelle Unterschiede.
Gerade bei Frauen kann beispielsweise die hormonelle Situation die Cortisolreaktion beeinflussen. Deshalb müssen Untersuchungen zu Geschlechtsunterschieden sorgfältig darauf achten, welche Gruppen miteinander verglichen werden.
Die durchschnittlich stärkere Cortisolreaktion von Männern in großen Auswertungen ist ein interessantes und relativ robustes Gruppenmuster. Aber entscheidend ist, was damit tatsächlich gemessen wurde.
Gemessen wurde nicht, welches Geschlecht „Stress besser aushält“.
Gemessen wurde die Reaktion eines bestimmten körperlichen Stresssystems – der HPA-Achse – auf eine bestimmte Form von akutem psychosozialem Stress. Speichelcortisol dient dabei als messbares Zeichen dieser hormonellen Reaktion.
Wenn der Cortisolwert bei Männern im Durchschnitt stärker ansteigt, lässt sich daraus zunächst genau das ableiten: Ihre HPA-Achse reagiert unter diesen Versuchsbedingungen im Mittel mit einer stärkeren Cortisolantwort.
Daraus folgt nicht automatisch, dass Männer sich stärker gestresst fühlen. Es folgt daraus auch nicht, dass ihre Leistungsfähigkeit unter Stress schlechter ist, dass sie Belastungen psychisch schlechter bewältigen, schneller erschöpft sind oder sich langsamer erholen. All das sind andere Fragen und müsste mit anderen Messgrößen untersucht werden.
Der Unterschied lässt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen:
Wenn bei einem Belastungstest die Herzfrequenz einer Gruppe stärker ansteigt als die einer anderen, weiß man zunächst etwas über die Herzfrequenz. Man weiß dadurch noch nicht automatisch, welche Gruppe sich ängstlicher fühlt, klarer denkt oder die Situation insgesamt besser bewältigt.
Beim Cortisol ist es genauso.
Die Forschung zeigt also zunächst einen durchschnittlichen Geschlechtsunterschied bei einer bestimmten körperlichen Reaktion auf eine bestimmte Form von Stress. Erst wenn daraus die Aussage „Männer vertragen Stress schlechter“ gemacht wird, wurde aus diesem begrenzten Messergebnis eine wesentlich allgemeinere Behauptung, die durch die Messung selbst nicht belegt ist.
Übersetzung aus dem Englischen
Der Stressor selbst spielt eine Rolle
Hinzu kommt ein weiteres Problem: Stress ist nicht gleich Stress.
Eine öffentliche Rede vor kritisch beobachtenden Personen ist etwas anderes als Schlafmangel. Zeitdruck ist etwas anderes als ein zwischenmenschlicher Konflikt. Eine schwierige Rechenaufgabe ist etwas anderes als die Sorge um ein krankes Familienmitglied.
Wie stark Geschlechtsunterschiede ausfallen, kann außerdem davon abhängen, welche Art von Stress überhaupt erzeugt wird. Besonders anschaulich zeigte das eine experimentelle Untersuchung von Stroud und Kollegen. 50 gesunde Frauen und Männer wurden entweder mit leistungsbezogenen Aufgaben oder mit einer Situation sozialer Zurückweisung konfrontiert. Bei den leistungsbezogenen Herausforderungen zeigten Männer die stärkere Cortisolreaktion. Beim Stress durch soziale Zurückweisung zeigte sich dagegen das umgekehrte Muster: Hier reagierten Frauen stärker.
Das verdeutlicht, warum sich die Frage, welches Geschlecht „besser mit Stress umgehen kann“, kaum pauschal beantworten lässt. Selbst bei derselben physiologischen Messgröße kann sich der beobachtete Geschlechtsunterschied verändern – je nachdem, welche Art von Belastung untersucht wird.
Wie stark Männer und Frauen körperlich auf Stress reagieren, kann zudem vom vorausgehenden Kontext abhängen. Das zeigt eine Untersuchung von Marin und Kollegen aus dem Jahr 2012. Frauen und Männer lasen zunächst zehn Minuten lang entweder negative oder neutrale reale Nachrichtenausschnitte und absolvierten anschließend den Trier Social Stress Test.
Die negativen Nachrichten allein führten weder bei Frauen noch bei Männern zu einem Anstieg des Cortisols. Beim anschließenden Stresstest zeigte sich jedoch ein Unterschied: Frauen, die zuvor negative Nachrichten gelesen hatten, reagierten mit einer stärkeren Cortisolantwort als Frauen, die neutrale Nachrichten gelesen hatten. Bei den Männern wurde ein entsprechender Effekt nicht gefunden. Einen Tag später erinnerten sich die Frauen außerdem besser an die negativen Nachrichten als die Männer.
Eine spätere Untersuchung derselben Forschungsgruppe ging der umgekehrten Frage nach: Was passiert, wenn Menschen vor einem Laborstressor positive statt neutraler Nachrichten lesen? Hier zeigte sich kein entsprechender Effekt. Positive Nachrichten führten weder zu einer veränderten Cortisolreaktion auf den anschließenden Stressor noch zu Unterschieden bei der späteren Erinnerung oder der erfassten Stimmung.
Die beiden Untersuchungen zeigen damit, dass die Wirkung des vorausgehenden Kontextes nicht nach einer einfachen Regel wie „negative Nachrichten verstärken Stress, positive Nachrichten vermindern ihn“ funktioniert. Zugleich zeigt insbesondere die Untersuchung von 2012, dass selbst die Reaktion auf einen standardisierten Stressor vom vorausgehenden Kontext beeinflusst werden kann – und dass dieser Einfluss bei Männern und Frauen unterschiedlich ausfallen kann.
Und ein schreiendes Baby ist wiederum etwas anderes als all diese Situationen.
Gerade Babygeschrei liefert ein interessantes Beispiel dafür, wie vorsichtig Geschlechtsunterschiede bei einem einzelnen Stressor interpretiert werden müssen.
In einer Untersuchung aus dem Jahr 1989 sahen 15 Männer und 37 Frauen unter anderem Videosequenzen mit schreienden Babys. Bei den Frauen zeigte sich dabei eine stärkere Beschleunigung der Herzfrequenz. Die Autoren selbst warnten davor, daraus vorschnell allgemeine Geschlechtsunterschiede abzuleiten, und verwiesen auf die mögliche Bedeutung von Erfahrungen und psychosozialen Faktoren.
Eine Untersuchung aus dem Jahr 1998 kam dagegen zu einem anderen Ergebnis. 20 Männer und 29 Frauen sahen und hörten Aufnahmen eines schreienden Babys. Diesmal zeigten die Männer eine stärkere Zunahme der Hautleitfähigkeit. Bei ihnen stieg außerdem die Herzfrequenz während des Babygeschreis an, während bei den Frauen kein entsprechender Anstieg festgestellt wurde.
Und wieder eine andere Untersuchung aus dem Jahr 2010 setzte 184 erwachsene Zwillingspaare wiederholt Babygeschrei aus. Auch hier nahm die Herzfrequenz der Männer über die wiederholten Schreie stärker zu als die der Frauen.
Gleichzeitig zeigte diese Untersuchung noch etwas anderes: Kinderlose Personen reagierten stärker als Eltern. Eine mögliche Erklärung ist Erfahrung. Auch die Autoren der Studie diskutieren, dass Eltern Babygeschrei möglicherweise genauer einordnen, angemessene Reaktionen leichter auswählen und aus Erfahrung besser einschätzen können, dass ein schreiendes Baby nicht zwangsläufig ernsthaft gefährdet ist. Frühere Untersuchungen hatten außerdem gezeigt, dass Betreuungserfahrung die Wahrnehmung von Babygeschrei verändern kann. Der Unterschied zwischen Eltern und Kinderlosen könnte daher zumindest teilweise damit zusammenhängen, dass dasselbe Alarmsignal mit zunehmender Erfahrung anders bewertet wird.
Andere Untersuchungen fanden wiederum keine eindeutigen Geschlechtsunterschiede. Eine spätere Übersichtsarbeit beschreibt die Befunde zu männlichen und weiblichen Reaktionen auf Babygeschrei deshalb ausdrücklich als uneinheitlich. Es gibt zudem Hinweise darauf, dass bei kinderlosen Frauen Babygeschrei eine stärkere Cortisolreaktion auslösen kann als andere unangenehme Geräusche, während ein entsprechender Effekt bei kinderlosen Männern nicht gefunden wurde.
Damit wird das methodische Problem besonders anschaulich.
Welche Schlussfolgerung sollte man aus all diesen Ergebnissen ziehen?
Dass Frauen Babygeschrei schlechter vertragen, weil in einer Untersuchung ihre Herzfrequenz stärker reagierte?
Dass Männer Babygeschrei schlechter vertragen, weil in anderen Untersuchungen ihre Herzfrequenz oder Hautleitfähigkeit stärker reagierte?
Oder dass kinderlose Menschen weniger stressbelastbar sind als Eltern, weil ihre Herzfrequenz stärker reagierte?
Keine dieser Aussagen folgt automatisch aus den Messungen.
Die Studien zeigen zunächst, wie bestimmte Gruppen auf einen sehr speziellen und biologisch wie sozial bedeutsamen Reiz reagieren. Außerdem zeigen sie, dass selbst bei demselben Reiz das Ergebnis davon abhängen kann, welche Menschen untersucht werden und welche körperliche Reaktion gemessen wird.
Menschen reagieren unterschiedlich darauf, ob eine Situation beispielsweise soziale Ablehnung, Leistungsdruck, Kontrollverlust, körperliche Gefahr oder Verantwortung für andere beinhaltet. Erfahrungen können ebenfalls eine Rolle spielen – wie beim Unterschied zwischen Eltern und Kinderlosen.
Wer Männer und Frauen mit einem bestimmten Stressor untersucht, misst deshalb zunächst ihre Reaktion auf genau diese Art von Belastung.
Aus der Reaktion auf Babygeschrei lässt sich ebenso wenig eine allgemeine Rangliste der Stressbelastbarkeit ableiten wie aus einer Rede vor einem kritisch blickenden Prüfungskomitee.
Übersetzung aus dem Englischen
Das Problem mit dem Begriff „stressbelastbar“
Damit wird deutlich, warum Aussagen wie „Frauen können besser mit Stress umgehen“ oder „Männer sind stressresistenter“ wissenschaftlich problematisch sind.
Was bedeutet „besser“? Weniger Cortisol? Weniger Angst? Niedrigere Herzfrequenz? Bessere Leistung unter Druck? Schnellere Erholung? Weniger subjektiv empfundenen Stress? Oder langfristig weniger gesundheitliche Folgen?
Diese Eigenschaften können miteinander zusammenhängen, müssen es aber nicht.
Ein Organismus, der auf eine Herausforderung mit einer kräftigen, zeitlich begrenzten physiologischen Reaktion antwortet und anschließend wieder zum Ausgangszustand zurückkehrt, zeigt damit zunächst eine funktionierende Anpassungsreaktion. Die Stärke des Cortisolanstiegs allein erlaubt keine Einstufung als besonders belastbar oder wenig belastbar.
Umgekehrt beweist ein geringeres subjektives Stressempfinden keine höhere körperliche Widerstandsfähigkeit. Jemand kann eine Situation psychisch als wenig belastend erleben und dennoch deutliche Veränderungen von Cortisol, Herzfrequenz oder anderen physiologischen Stresssystemen zeigen.
Subjektives Erleben und körperliche Regulation sind unterschiedliche, miteinander verbundene Teile der Stressreaktion – aber nicht zwei Messmethoden für exakt dieselbe Eigenschaft.
Was die Forschung tatsächlich zeigt
Kontrollierte Laboruntersuchungen liefern durchaus Hinweise auf durchschnittliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Bei psychosozialem Laborstress zeigen Männer in großen Auswertungen im Durchschnitt eine stärkere Cortisolreaktion. Frauen berichten in verschiedenen Untersuchungen dagegen teilweise stärkere negative emotionale Reaktionen und ein höheres subjektives Stresserleben.
Doch gerade diese Kombination zeigt, warum aus den Daten keine einfache Rangliste entsteht. Wenn ein Mann mehr Cortisol ausschüttet, eine Frau aber stärkeren subjektiven Stress berichtet – wer ist dann weniger stressbelastbar?
Darauf gibt es anhand dieser beiden Messwerte keine eindeutige Antwort. Der eine Wert beschreibt eine hormonelle Reaktion, der andere das bewusste Erleben. Beides gehört zur Stressreaktion, aber beides misst nicht dasselbe.
Die Frage „Welches Geschlecht ist stressbelastbarer?“ setzt deshalb etwas voraus, das die Forschung so gar nicht vorfindet: eine einzige Eigenschaft namens Stressbelastbarkeit, die sich auf einer gemeinsamen Skala messen lässt.
Tatsächlich untersucht die Stressforschung verschiedene körperliche und psychische Reaktionen, die miteinander zusammenhängen können, aber nicht zwangsläufig gleich stark oder in dieselbe Richtung reagieren.
Fazit
Es existieren durchschnittliche Geschlechtsunterschiede in einzelnen Komponenten der Stressreaktion. Besonders gut untersucht ist die Cortisolantwort auf psychosozialen Laborstress, die bei Männern im Mittel stärker ausfallen kann. Das bedeutet jedoch nicht, dass Männer Stress schlechter vertragen. Gemessen wurde damit zunächst die Reaktion eines bestimmten physiologischen Systems.
Gleichzeitig können Frauen bei bestimmten Stressversuchen stärkere subjektive emotionale Reaktionen berichten, ohne dass ihre körperlichen Stressreaktionen entsprechend stärker ausfallen. Selbst bei einem einzelnen Stressor wie Babygeschrei wurden je nach Untersuchung, Messgröße und untersuchter Personengruppe unterschiedliche Geschlechtsmuster gefunden.
Die wissenschaftlich interessantere Erkenntnis lautet deshalb nicht „Männer sind belastbarer“ oder „Frauen sind belastbarer“.
Die menschliche Stressreaktion besteht aus mehreren körperlichen und psychischen Komponenten. Welcher Teil davon untersucht wird, welcher Stressor verwendet wird und was anschließend gemessen wird, beeinflusst das Ergebnis.
Wer einen einzelnen Unterschied herausgreift und daraus eine allgemeine Rangliste der Stressbelastbarkeit von Männern und Frauen ableitet, beantwortet deshalb eine wesentlich größere Frage, als die jeweilige Untersuchung überhaupt gestellt hat.
Stellen wir uns eine kleine Gruppe von Menschen vor, lange bevor es Städte, Polizei oder Notrufnummern gab. Einige Erwachsene, mehrere Kinder – und plötzlich taucht eine unmittelbare Bedrohung auf. Vielleicht ein Raubtier, vielleicht eine feindliche Gruppe.
Was wäre für das Überleben dieser Gemeinschaft günstiger gewesen?
Wenn sämtliche Erwachsenen exakt gleich reagieren?
Wahrscheinlich nicht. Wenn alle gleichzeitig fliehen, bleibt niemand zurück, um eine Gefahr abzuwehren. Wenn alle gleichzeitig auf die Gefahr losgehen, bleiben möglicherweise Kinder ungeschützt. Unterschiedliche Reaktionsneigungen innerhalb einer Gruppe könnten deshalb durchaus von Vorteil gewesen sein.
Man kann sich beispielsweise vorstellen, dass eine besonders ausgeprägte körperliche Mobilisierung bei einem Teil der Erwachsenen hilfreich war, wenn unmittelbares Eingreifen erforderlich wurde. Der Organismus stellt Energie bereit, Kreislauf und Stoffwechsel passen sich an die Herausforderung an, der Körper bereitet sich auf Handlung vor.
Bei anderen Gruppenmitgliedern könnte dagegen eine niedrigere Schwelle für das Wahrnehmen von Gefahr und eine stärkere subjektive Alarmreaktion Verhaltensweisen begünstigt haben, die auf Vorsicht, Rückzug, den Schutz von Kindern oder das Herstellen sozialer Unterstützung gerichtet waren.
Da Männer und Frauen in der menschlichen Evolutionsgeschichte nicht dieselben reproduktiven Voraussetzungen hatten, ist zumindest denkbar, dass solche unterschiedlichen Anforderungen auch unterschiedliche durchschnittliche Reaktionsneigungen begünstigten. Eine Mutter mit einem von ihr abhängigen Säugling hatte bei einer Bedrohung andere unmittelbare Risiken als ein erwachsener Mann ohne diese biologische Abhängigkeit.
An diesen Gedanken erinnert die in der Forschung diskutierte „Tend-and-befriend“-Hypothese. Sie schlägt vor, dass bei Frauen neben klassischen Kampf- oder Fluchtreaktionen Verhaltensweisen eine besondere evolutionäre Bedeutung gehabt haben könnten, die dem Schutz des Nachwuchses („tend“) und der Herstellung oder Nutzung sozialer Unterstützung („befriend“) dienten.
Für eine kleine Gemeinschaft könnten unterschiedliche Reaktionsstrategien durchaus nützlich gewesen sein: Nicht jeder Mensch muss bei einer Gefahr dasselbe tun, damit die Gruppe als Ganzes erfolgreich reagiert.
Das klingt plausibel.
Aber genau hier liegt die Falle evolutionärer Erklärungen.
Wir können heute messen, dass Männer bei bestimmten standardisierten psychosozialen Stresstests im Durchschnitt stärker mit Cortisol reagieren. Wir finden in manchen Untersuchungen zugleich Unterschiede im subjektiven emotionalen Erleben. Wir können daraus jedoch nicht rückwirkend ablesen, warum sich diese Unterschiede entwickelt haben.
Vor allem bedeutet mehr Cortisol nicht automatisch mehr Kampfbereitschaft, und stärker berichtetes Unbehagen bedeutet nicht automatisch Schutz- oder Fluchtverhalten. Auch hängen Geschlechtsunterschiede der Stressreaktion davon ab, welcher Stressor untersucht und welche Reaktion gemessen wird.
Die kleine Szene aus der Frühzeit der Menschheit ist deshalb keine Erklärung dessen, was damals tatsächlich geschah. Sie ist eine mögliche evolutionäre Deutung.
Und darin liegt ein wichtiger Unterschied:
Eine evolutionäre Geschichte kann logisch, biologisch plausibel und mit heutigen Befunden vereinbar sein – ohne dass wir wissen, ob sie die tatsächliche Entwicklungsgeschichte beschreibt.
Unsere Vorfahren haben leider keine Studienprotokolle hinterlassen.
Quellen und weiterführende Literatur
Gu et al. (2022)
A meta-analysis of salivary cortisol responses in the Trier Social Stress Test to evaluate the effects of speech topics, sex, and sample size.
Metaanalyse von 65 Artikeln mit 76 Teilstudien und insgesamt 5.171 Personen. Männer zeigten im Mittel eine stärkere Cortisolreaktion auf den TSST.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/35755200/
Liu et al. (2017)
Sex differences in salivary cortisol reactivity to the Trier Social Stress Test (TSST): A meta-analysis.
Metaanalyse von 34 Studien mit insgesamt 1.350 Personen. Männer zeigten höhere Cortisolwerte am Reaktionshöhepunkt und während der Erholung; methodische Unterschiede beeinflussten die beobachteten Geschlechtsunterschiede.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28486178/
Gu et al. (2025)
Physiological and psychological responses to acute stress: A meta-analysis of the 171 studies of Trier Social Stress Test including 8452 healthy adults.
Große Metaanalyse zu körperlichen und psychologischen Reaktionen auf akuten psychosozialen Stress.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40834642/
Man et al. (2023)
Multi-systemic evaluation of biological and emotional responses to the Trier Social Stress Test: A meta-analysis and systematic review.
Systematische Übersichtsarbeit und Metaanalyse von 61 Studien zu körperlichen und emotionalen Stressreaktionen. Die Ergebnisse zeigen unter anderem, dass Stärke der körperlichen Reaktion und subjektives Stresserleben nicht zuverlässig parallel verlaufen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/36410619/
Kelly et al. (2008)
Sex differences in emotional and physiological responses to the Trier Social Stress Test.
Untersuchung von 32 Frauen und 30 Männern. Keine zuverlässigen Geschlechtsunterschiede bei Cortisol und autonomer Reaktion; Frauen berichteten nach dem Stressversuch unter anderem mehr Angst, Reizbarkeit und Verwirrung.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17466262/
Stroud et al. (2002)
Sex differences in stress responses: social rejection versus achievement stress.
Untersuchung von 24 Männern und 26 Frauen. Bei leistungsbezogenen Herausforderungen zeigten Männer stärkere Cortisolreaktionen, bei Stress durch soziale Zurückweisung dagegen Frauen. Die Studie zeigt damit, dass Geschlechtsunterschiede in der Cortisolreaktion von der Art des untersuchten Stressors abhängen können.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/12208639/
Marin et al. (2012)
There Is No News Like Bad News: Women Are More Remembering and Stress Reactive after Reading Real Negative News than Men.
Untersuchung von 30 Frauen und 30 Männern. Negative Nachrichten erhöhten das Cortisol nicht unmittelbar; Frauen zeigten danach jedoch beim Trier Social Stress Test eine stärkere Cortisolreaktion als Frauen nach neutralen Nachrichten. Bei Männern wurde dieser Effekt nicht gefunden.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/23071755/
Longpré et al. (2021)
Staying informed without a cost: No effect of positive news media on stress reactivity, memory and affect in young adults.
Untersuchung von 62 gesunden Erwachsenen mit einem ähnlichen Versuchsaufbau wie Marin et al. (2012). Positive Nachrichten führten gegenüber neutralen Nachrichten weder zu einer veränderten Cortisolreaktion auf den nachfolgenden Laborstressor noch zu Unterschieden bei Erinnerung oder Stimmung.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/34710138/
Shields et al. (2017)
The Effects of Acute Stress on Episodic Memory: A Meta-Analysis and Integrative Review.
Metaanalyse von 113 Studien mit 6.216 Personen. Zeigt, dass die Auswirkungen akuten Stresses auf das Gedächtnis unter anderem davon abhängen, wann der Stress im Verhältnis zu Lernen und Erinnerungsabruf auftritt.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/28368148/
Russell & Lightman (2019)
The human stress response.
Übersichtsarbeit zur menschlichen Stressreaktion und zur HPA-Achse. Erläutert die adaptive Funktion der akuten Stressantwort und die Regulation der Cortisolausschüttung.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31249398/
Herman et al. (2016)
Regulation of the Hypothalamic-Pituitary-Adrenocortical Stress Response.
Grundlagenübersicht zur Regulation der HPA-Achse und zur Rolle von Glucocorticoiden bei der Anpassung des Organismus an Belastungen.
https://doi.org/10.1002/cphy.c150015
Miller, Chen & Zhou (2007)
If it goes up, must it come down? Chronic stress and the hypothalamic-pituitary-adrenocortical axis in humans.
Metaanalyse zur HPA-Achse bei chronischer Belastung. Zeigt, dass chronischer Stress nicht mit einem einheitlichen Muster dauerhaft erhöhter Cortisolwerte gleichgesetzt werden kann und unter anderem Dauer und Art der Belastung eine wichtige Rolle spielen.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/17201569/
Kirschbaum, Pirke & Hellhammer (1993)
The ‘Trier Social Stress Test’ – A Tool for Investigating Psychobiological Stress Responses in a Laboratory Setting.
Originalarbeit zum Trier Social Stress Test, einem der wichtigsten standardisierten Verfahren zur Untersuchung psychosozialen Stresses im Labor.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/8255414/
Luy (2003)
Causes of male excess mortality: insights from cloistered populations.
Untersuchungen der Deutsch-Österreichischen Klosterstudie zu biologischen und nichtbiologischen Ursachen des Geschlechterunterschieds der Lebenserwartung.
https://cloisterstudy.eu/COMMS/
Furedy et al. (1989)
Sex differences in small-magnitude heart-rate responses to sexual and infant-related stimuli: a psychophysiological approach.
15 Männer und 37 Frauen sahen emotionale Videosequenzen. Frauen zeigten beim Babygeschrei eine stärkere Herzfrequenzbeschleunigung. Die Autoren betonten, dass weitere Forschung nötig sei, bevor allgemeine Geschlechtsunterschiede angenommen werden.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/2629003/
Brewster et al. (1998)
Gender differences in physiological reactivity to infant cries and smiles in military families.
20 Männer und 29 Frauen wurden Babygeschrei und Aufnahmen eines lächelnden Babys ausgesetzt. Männer zeigten beim Babygeschrei eine stärkere Zunahme der Hautleitfähigkeit und einen Anstieg der Herzfrequenz.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/9717614/
Out et al. (2010)
Physiological reactivity to infant crying: a behavioral genetic study.
184 erwachsene Zwillingspaare hörten wiederholt Babygeschrei. Männer zeigten über die Wiederholungen einen stärkeren Anstieg der Herzfrequenz als Frauen; Kinderlose reagierten stärker als Eltern.
https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20618442/
Esposito et al. (2018)
Brain processes in women and men in response to emotive sounds.
Übersichts- und experimenteller Kontext zu Geschlechtsunterschieden bei der Verarbeitung emotional bedeutsamer Geräusche. Die Arbeit fasst unter anderem die uneinheitlichen physiologischen Befunde zu Babygeschrei zusammen und verweist auf Untersuchungen der Cortisolreaktion bei kinderlosen Frauen und Männern.
https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5822002/
Einordnung und Berichterstattung in den Medien
Spektrum SciLogs / HIRN UND WEG (2026)
„Die Durchschnittsfrau gibt es nicht“
Interview mit Prof. Birgit Derntl, Leiterin der Arbeitsgruppe „Psychische Gesundheit und Gehirnfunktion von Frauen“ an der Universität Tübingen. Einordnung von Geschlechtsunterschieden bei subjektivem Stresserleben, Cortisolreaktionen und Stressverarbeitung im Gehirn.
https://scilogs.spektrum.de/hirn-und-weg/die-durchschnittsfrau-gibt-es-nicht/
The Guardian (2025)
A hero among hormones: why cortisol is something to celebrate rather than stress about
Wissenschaftsjournalistische Einordnung der Funktion von Cortisol und des Unterschieds zwischen einer normalen akuten Cortisolreaktion und problematischer chronischer Stressbelastung.
https://www.theguardian.com/lifeandstyle/2025/jul/27/a-hero-among-hormones-why-cortisol-is-something-to-celebrate-rather-than-stress-about
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